• <b>Glasmalerei</b><br>Scheibenriss mit der Darstellung einer Glasmaler- und Glaserwerkstatt. Federzeichnung aus dem Umkreis von  Jost Ammann,  1565-1567 (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen. Im vorderen Teil der Werkstatt bearbeitet der Glasmaler an seiner Werkbank eine Wappenscheibe, die er nach einer Zeichnung an der Wand kopiert. Im Nebenraum passt der Glaser Butzenscheiben in Bleifassungen ein. Hinter ihm erkennt man eine offene Kohlepfanne, einen Blasbalg, einen Satz Löteisen und weitere Werkzeuge.

Glasmalerei

Unter G. versteht man die Herstellung farbiger Fenster, deren Wirkung durch das lichtdurchlässige, in der Masse gefärbte Material Glas bestimmt wird. Jedes einzelne Stück des flachen Glases wird mit einer braunschwarzen Malfarbe, dem Schwarzlot, in unterschiedl. Dichte bemalt. Nach dem Brennen der Gläser im Ofen werden die farbigen Glasstücke mit Bleiruten zu figürl. oder ornamentalen Kompositionen zusammengefügt. Am Ende des 13. Jh. entdeckte man, dass Silber Glas während des Brennvorgangs gelb färbt. Diese neue Maltechnik verbreitete sich in der 1. Hälfte des 14. Jh. auch im Gebiet der Schweiz. Im 15. Jh. wurde die Technik der Malerei mit farbigen Emails auf weissem Glas entwickelt, welche die Schweizer G. des 16.-18. Jh. prägte und auch nach ca. 1820 wieder eine Rolle spielte. Zwischen 1911 und 1929 arbeiteten franz. Glasmaler die Beton-Glastechnik aus, mit der dicke Glasplatten in ein Netz von Betonstegen eingefügt werden.

Das Material mussten sich die Glasmaler im MA auf den lokalen Märkten beschaffen. Es ist jedoch in den wenigsten Fällen genau erforscht, woher das Glas kam. In den Regionen der Schweiz kommen der Schwarzwald, die Vogesen und Lothringen am ehesten als Herkunftsorte in Frage. Heute stammt das Glas meist aus Waldsassen (Bayern) oder aus dem franz. Saint-Just (Rhône-Alpes).

<b>Glasmalerei</b><br>Scheibenriss mit der Darstellung einer Glasmaler- und Glaserwerkstatt. Federzeichnung aus dem Umkreis von  Jost Ammann,  1565-1567 (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen.<BR/>Im vorderen Teil der Werkstatt bearbeitet der Glasmaler an seiner Werkbank eine Wappenscheibe, die er nach einer Zeichnung an der Wand kopiert. Im Nebenraum passt der Glaser Butzenscheiben in Bleifassungen ein. Hinter ihm erkennt man eine offene Kohlepfanne, einen Blasbalg, einen Satz Löteisen und weitere Werkzeuge.<BR/>
Scheibenriss mit der Darstellung einer Glasmaler- und Glaserwerkstatt. Federzeichnung aus dem Umkreis von Jost Ammann, 1565-1567 (Bernisches Historisches Museum) © Foto Stefan Rebsamen.
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Als Kunstgattung konnte die G. nur bei grosser Nachfrage eine oder mehrere Werkstätten am gleichen Ort ernähren, so dass die Glasmaler lediglich in grossen Zentren unter sich organisiert waren. Meist aber schlossen sie sich Zünften an, die allgemein auf Künstler spezialisiert waren oder die keine bestimmte Handwerkszugehörigkeit verlangten, etwa in Basel der Zunft zum Himmel oder in Bern der Gesellschaft zum Mittellöwen. Heute ist der Berufsstand in zwei versch. Verbänden organisiert, dem Schweiz. Fachverband für G. und Verarte.ch, dem Glaskünstlerverband.

Die ältesten Zeugen der G. in der Schweiz gehen auf karoling. Zeit zurück. Bis um 1200 kann die Existenz dieser Kunstgattung jedoch nur durch ergrabene Fragmente belegt werden (9. Jh. Müstair, 12. Jh. Payerne). Erst aus dem frühen 13. Jh. sind vollständige Glasgemälde erhalten. Die Flumser Madonna im Schweiz. Landesmuseum (um 1200) zeigt noch weitgehend rom. Formen, während der antikisierende Stil der franz. Kunst (ebenfalls um 1200) die G.en der Rose von Lausanne (Anfang 13. Jh.) bestimmt. Frühe hochgot. Tendenzen lassen sich an den G.en im Kreuzgang des Zisterzienserklosters Wettingen (um 1280) und im Chor der Johanniterkirche Münchenbuchsee (um 1290) beobachten. Auf dem Gebiet der Schweiz etablierte sich um 1300 der hochgot. Stil franz. Prägung: In der Folge wurden Kappel am Albis (um 1300/10), Königsfelden (um 1316 Langhaus, um 1330 bis nach 1340 Chor, um 1360 Seitenschiffe), Frauenfeld-Oberkirch (1325-30), Blumenstein (um 1330), Köniz (um 1330) und das freiburg. Hauterive (1330-40) verglast. Diese bedeutenden Ensembles zeigen einerseits Beziehungen zu Werken im Elsass (z.B. Königsfelden), andererseits zu Konstanzer Vorbildern (z.B. Kappel, Frauenfeld-Oberkirch). Während aus der 2. Hälfte des 14. Jh. fast nichts erhalten blieb, ist der internat. Stil um 1400 in seiner oberrhein.-süddt. Prägung gut vertreten (1400-10 Zofingen, 1430-40 Staufberg in der Gem. Staufen, 1410-20 Kartause Basel). Das bedeutendste Ensemble spätgot. G. in der Schweiz bewahrt der Chor des Berner Münsters (um 1441 bis ca. 1455). Der Rat der Stadt liess dessen Achsenfenster durch Meister Hans von Ulm verglasen, während die übrigen Scheiben der Choröffnungen von der Werkstatt des Berner Glasmalers Niklaus Glaser geschaffen wurden. Er arbeitete mit Basler Künstlern zusammen, von denen einer auch an der Ausführung der G.en im Chor der Bieler Stadtkirche (1457) beteiligt war.

Während die monumentale G. nach der Einführung der Reformation und der Bevorzugung von hellen Innenräumen in der Schweiz weitgehend verschwand, erlebten die kleinformatigen Einzelscheiben ab dem späten 15. Jh. eine Blüte, die durch die Sitte der Wappen- und Fensterschenkungen bis ins frühe 18. Jh. lebendig blieb. Der Historismus führte zuerst in den grossen europ. Kunstzentren wie München und Paris einen Aufschwung der monumentalen G. herbei. Dorthin ergingen denn auch frühe Grossaufträge für Schweizer Standorte, so etwa für den Basler Münsterchor (ausgeführt 1856-57 von Caspar Gsell aus Paris und Franz Xaver Eggert aus München) oder die Elisabethenkirche in Basel (ausgeführt 1865 von den Brüdern Burkhardt aus München). In der Schweiz tätige Künstler knüpften zunächst an die Tradition der Wappenscheiben an (ab 1829 Johann Jakob Müller in Bern). Die Verglasung der Kathedrale von Freiburg ist wohl das wichtigste Ensemble am Übergang vom Historismus zum Jugendstil. Es wurde vom poln. Künstler Józef Mehoffer entworfen und von der Freiburger Werkstatt Kirsch & Fleckner ausgeführt. Erwähnenswert ist auch die G. des in Neuenburg lebenden Briten Clement Heaton, etwa in der Lausanner Kirche Saint-François und im Basler Münster. Um 1900 erlangte die G. auch im profanen Bereich grosse Beliebtheit (Hotels, Restaurants, Geschäfte, Passagen, Privathäuser).

Von den 1910er Jahren an waren Westschweizer Künstler in der G. führend. Alexandre Cingria knüpfte an die Werke von Józef Mehoffer an und regte mit seiner expressiven Formensprache eine ganze Generation von Künstlern an, zu denen Jean-Henri Demole, Marcel Poncet, Edmond Bille, Ernest Biéler, Louis Rivier, Jean-Edouard de Castella u.a. zählten. Die Mehrzahl von ihnen trat der um 1919 gegr. Vereinigung Groupe de Saint-Luc et Saint-Maurice bei. Hans Stocker und Otto Staiger von der Gruppe Rot-Blau waren die massgebl. Vertreter der G. in der deutschsprachigen Schweiz. Weitere Künstler wie Albin Schweri, Carl Roesch, Leo Steck, Ferdinand Gehr, Louis René Moilliet, Burkhard Mangold, Coghuf, Jacques Düblin, Charles Hindenlang und Augusto Giacometti bemühten sich darum, neue Formen in die G. einzuführen. In jüngerer Zeit entstanden auch bedeutende Werke ausländ. Künstler für Standorte in der Schweiz, etwa 1953-54 von Fernand Léger in Courfaivre und 1970 von Marc Chagall in Zürich. Mit Léger hielt die Abstraktion Einzug in die G., die auch Otto Staiger, Roger Bissière, Alfred Manessier und Samuel Buri aufgriffen.

Die G. war lange ein Stiefkind der kunstgeschichtl. Forschung, da sie von der Renaissance an nicht mehr als eigenständige Kunst, sondern nur noch als Kunsthandwerk galt. Ausserdem war bei den meisten Forschern das Misstrauen gegenüber den vielen bereits erfolgten Restaurierungen gross. Erst mit der Gründung des internat. Corpus Vitrearum Medii Aevi 1952 durch den Schweizer Hans Robert Hahnloser, der sich die Dokumentation und Erforschung der europ. G.en zum Ziel gesetzt hatte, rückte diese Kunstgattung vermehrt ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. In der Schweiz kümmert sich neben der Kommission für das Corpus Vitrearum der Schweiz. Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften eine eigene Institution in Romont (FR) um die Erforschung und Erhaltung der G. Gegenstand der Forschung werden vermehrt Werke des 19. und 20. Jh. Ausserdem laufen besondere Anstrengungen, die frühneuzeitl. G.en den heutigen Anforderungen wissenschafl. Forschung entsprechend zu bearbeiten.


Literatur
– E.J. Beer Die G.en der Schweiz vom 12. bis zum Beginn des 14. Jh., 1956
– E.J. Beer Die G.en der Schweiz aus dem 14. und 15. Jh. ohne Königsfelden und Berner Münsterchor, 1965
– J.-P. Pellaton Moderne Kirchenfenster im Jura, 22005 (franz. 1968, 52003)
– H. Dürst, Alte G. der Schweiz, 1971
G. um 1900 in der Schweiz, Ausstellungskat. Romont, 1985 (franz. 1985)
– E. Castelnuovo Vetrate medievali, 1994 (22007)
– H. von Roda Die G.en von Józef Mehoffer in der Kathedrale St. Nikolaus in Freiburg i.Ue., 1995
Clement Heaton, 1861-1940, hg. von N. Quellet-Soguel, 1996
– B. Kurmann-Schwarz Die G.en des 15.-18. Jh. im Berner Münster, 1998
– A. Nagel, H. von Roda, "... der Augenlust und dem Gemüth": Die G. in Basel 1830-1930, 1998
G. im Kt. Aargau, 4 Bde. und Einführung, 2002
– U. Bergmann, Die Zuger G. des 16. bis 18. Jh., 2004
– B. Kurmann-Schwarz Die G.en der ehem. Klosterkirche Königsfelden, 2008

Autorin/Autor: Brigitte Kurmann-Schwarz, Hortensia von Roda, Stefan Trümpler