• <b>Fruchtbarkeit</b><br>Quellen: Bundesamt für Statistik / Observatoire démographique européen; F. van de Walle, One Hundred Years of Decline: the History of Swiss Fertility from 1860 to 1960, 1977  © 2004 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.

Fruchtbarkeit

Bis 1870 kannte die Schweiz wie die meisten Staaten Europas die sog. natürliche F., deren Folge eine stete, doch nicht übermässige Zunahme der Bevölkerung war (Natalität). Ehen wurden spät geschlossen (Nuptialität) und häufig durch den Tod eines Ehepartners frühzeitig beendet (Mortalität). Dadurch blieb die Kinderzahl einer Fam. auf 4 bis 5 beschränkt. Nach den für das 18. Jh. in 20 Pfarreien des Landes berechneten Fruchtbarkeitsraten hatte eine Frau, die mit 25 Jahren heiratete und deren Ehe mind. bis zu ihrem 50. Lebensjahr dauerte, zwischen 5 und 8 Kinder, im Mittel 6,4.

F. hängt ab von den physiolog. Faktoren der Fortpflanzung und den Umständen, die diese Faktoren beeinflussen, namentlich der Stilldauer, der Kindersterblichkeit und dem Konjunkturverlauf. In Zeiten grosser Bevölkerungskrisen nimmt die F. zu; das war z.B. während der Genfer Pestseuche 1636-40 der Fall. Dieser Umstand lässt auf ein ungenutztes Fruchtbarkeitspotential schliessen. Es scheint demnach gewagt zu behaupten, die Menschen früherer Zeiten hätten ihre Geburtenzahl nicht kontrolliert (Geburtenregelung).

Die genannten Faktoren erklären die Unterschiede zwischen den beobachteten Fruchtbarkeitsraten. Offensichtlich spielt zudem auch die Konfessionszugehörigkeit eine Rolle. Die ehel. F. ist bei den Katholiken grösser, wird aber ausgeglichen durch spätere Eheschliessung und grössere Kindersterblichkeit. Im 18. Jh. hatten Ehepaare im kath. Näfels durchschnittlich 7,9, in den umliegenden ref. Dörfern 6,3 bis 6,6 Kinder. Ein Gefälle wird auch sichtbar im Vergleich von Landschaft und Stadt, wo Ammenstillung und Kindersterblichkeit die Zeitspanne zwischen den Schwangerschaften verkürzten.

In den ref. Gebieten, in denen die F. tiefer lag, wurden ausserdem auch empfängnisverhütende Methoden zuerst angewandt. In gewissen Regionen geschah dies schon sehr früh; dieser Umstand stellt die gängigen Erklärungen des Absinkens der Fruchbarkeitsrate in Frage. So erscheint in Zürich wie in Genf die Geburtenkontrolle schon Ende des 17. Jh. In manchen ländl. Gebieten ist sie Ende des 18. oder Anfang des 19. Jh. bezeugt, so im Waadtländer und Neuenburger Jura, im Freiburger Wistenlach, in der Genfer Landschaft und in einigen Glarner Gemeinden.

<b>Fruchtbarkeit</b><br>Quellen: Bundesamt für Statistik / Observatoire démographique européen; F. van de Walle, One Hundred Years of Decline: the History of Swiss Fertility from 1860 to 1960, 1977  © 2004 HLS und Marc Siegenthaler, Bern.<BR/>
Indikatoren der Fruchtbarkeit 1860-2000

An der Wende zum 20. Jh. wurde der Rückgang der F. unumkehrbar und, trotz vereinzelter Aufschwünge, allgemein. Gesamtschweizerisch gerechnet, sank die ehel. Fruchtbarkeitsrate (Anzahl lebendgeborener legitimer Kinder auf 1'000 verheiratete Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren) von 252 in den Jahren 1876-80 auf 219 1901-05, 172 1911-15, 123 1929-32. Mit dem Fruchtbarkeitsindex (Ig), berechnet durch Vergleich der ehel. Geburtenzahl einer bestimmten Bevölkerung mit der Geburtenzahl, die sie mit einer natürl. F. hätte (als Referenz dafür dient die Geburtenzahl der Hutterer, einer Gemeinschaft nordamerikan. Wiedertäufer), lässt sich der chronolog. Ablauf des Rückgangs deutlich machen. Um 1860 bewegten sich die Indexwerte je nach Kanton zwischen 0,6 und 0,9; Genf mit 0,47 bildete eine Ausnahme. 1900 waren die Unterschiede grösser: ausgewiesen sind für Genf 0,3, für Glarus 0,45, für Freiburg und Uri noch über 0,8. 1930 war der Tiefpunkt erreicht, doch die Abstände bestanden weiter.

Die Nuptialität trägt wesentlich zur allg. Schwäche der F. in der Schweiz bei, die nach Frankreich die zweitniedrigste der westl. Länder ist. Die Kinderzahl, die in den 1870er Jahren noch 4 pro Frau betrug, nahm bis 1900 langsam ab und erreichte vor Ausbruch des 1. Weltkriegs 3. Seit 1932 ermöglicht es der Konjunkturindex der F. (mittlere Anzahl Kinder pro Frau), deren Schwankungen zu verfolgen: den sog. Baby-Boom ab Kriegsbeginn, die Trendwende 1965 und den Tiefstand von 1,5 Kindern pro Frau (Ausländerinnen inbegriffen) seit etwa zwanzig Jahren. Mit diesem Stand ist die Erneuerung der Bevölkerung nicht mehr gewährleistet.


Literatur
– F. van de Walle, One Hundred Years of Decline: the History of Swiss Fertility from 1860 to 1960, 1977
– P. Festy, La fécondité des pays occidentaux de 1870 à 1970, 1979
– O. Blanc et al., Les Suisses vont-ils disparaître?, 1985
– P. Wanner, P. Fei, F. in den Schweizer Gem., 1970-2000, 2004

Autorin/Autor: Alfred Perrenoud / AA