Bürgerhaus

B. ist ein zur Profanarchitektur (Architektur) gehörender Sammelbegriff für die vom Bürgertum entwickelten städt. Gebäudeformen öffentl. und privater Nutzung. Neben Gebäuden, die den Gemeinschaftsinteressen der Stadtbevölkerung dienten (z.B. Korn- und Zeughaus, Schützen- und Zunfthaus, Markthalle, Speicher, Casino, Spital oder Frauenhaus), versteht man unter B. im engeren Sinn die zahlenmässig bedeutendere Gruppe der städt. Wohnhäuser, die vom MA bis ins 19. Jh. als Mehrzweckbau die Bereiche Wohnen und Arbeit verbanden.

Von der Gestalt her fliessend sind die Übergänge vom B. zum Bauernhaus und zum Herrschaftshaus (städt. Patrizierpalais, Landsitze der Stadtbürger, Vogteisitze, Schlösser). Aufgrund berufl. Spezialisierung entwickelten sich in der Stadt unterschiedl. Wohn- und Gewerbebauten, die die gesellschaftl. Stellung der Eigentümer widerspiegelten. Ausschlaggebend für die Typenbildung des B.es waren weniger das Klima, lokale Materialvorkommen oder regionale Traditionen, als vielmehr der Status des Besitzers und die funktionelle Nutzung (Handwerker-, Kaufmanns- oder Patrizierhaus).

Im Unterschied zum modernen Verständnis von Bürger als weltmänn. Staats- und Wirtschaftssubjekt bezeichnete der Begriff ursprünglich die Einwohner der Burgen und vom HochMA an die Einwohner der befestigten, mit Privilegien und Rechten ausgestatteten Städte. Mit dem Bürgerrecht verbunden war meist der Besitz eines Hauses in der Stadt. Während anfänglich nur die ratsfähigen Geschlechter zur Bürgerschaft gehörten, zählten später auch Handelsleute, Gewerbetreibende und zunftmässige Handwerker dazu. Durch soziale Differenzierung entstand vom 16. Jh. an das Patriziat, das sich meist aus alten, Staatsämter bekleidenden Familien zusammensetzte. Vom SpätMA bis zur Helvet. Revolution war das mit gesteigertem Selbstbewusstsein versehene Stadtbürgertum der für die Schweiz charakterist. Stand zwischen den Bauern und dem Adel und wesentl. Kulturträger mit Auswirkungen bis ins nachrevolutionäre 19. Jh.

Das B. hat entwicklungsgeschichtlich die Stadt als Voraussetzung, wie sie sich im HochMA als rechtlich und topografisch eigenständiges Gebilde im Gegensatz zum Land ausbildete. Mit dem Bau von Stadtmauer, innerer Verdichtung und Riemenparzellierung entstand die geschlossene bürgerl. Stadt, wobei erst die spätma. Strukturverschiebungen das heute rudimentär überlieferte und denkmalpflegerisch konservierte Bild der Bürgerstadt prägten (Bern, Freiburg, Murten usw.). Obwohl Einzelobjekt, bestimmte das B. erst im Ensemble das Strassen- und Stadtbild und bildete den Rahmen für die öffentl. Bürgerbauten der ma. Stadt, deren charakterist. Elemente, Markt und Gerichtsbarkeit, prinzipiell öffentl. Angelegenheiten waren. Mit Markt und Handel standen zahlreiche Bauten in enger funktioneller Verbindung (z.B. Marktlaube, Zollhaus, Waage, Münze, Gewandhaus, Magazin). Die Abgrenzung der Stadt zu dörfl. Siedlungsformen wie Marktflecken oder Talhauptorten (z.B. Stans) ist im Einzelfall nicht eindeutig: Es gab, v.a. bei den Inner- und Ostschweizer Landsgemeindeorten, Dörfer mit städt. Privilegien, zentralem Markt- und Gerichtsplatz sowie Steinbauten (z.B. Sarnen, Schwyz, Appenzell, Gais) oder Dörfer mit urban geschlossenen, massiven Häuserzeilen wie Itingen im Kt. Basel-Landschaft, die Weinbauerndörfer am Genfer-, Neuenburger- (z.B. Auvernier) und Bielersee (z.B. Twann, Erlach) oder einige an den Seen im Tessin gelegene Dörfer (z.B. Bissone, Morcote). Im Gegensatz dazu erinnern Städte mit bäuerlich-dörflichem Charakter (z.B. Werdenberg) daran, dass in den Städten bis ins 15. Jh. eine offene Bebauung vorherrschte und die B.er v.a. in der dt. Schweiz aus Holz waren. Steinhäuser dagegen waren oft mit herrschaftl. Privilegien verbunden (z.B. Schönes Haus in Basel 13. Jh.). Erst im SpätMA "versteinerte" die Stadt (z.B. Basel nach dem Erdbeben von 1356), wobei es in der franz. und ital. Schweiz Hinweise auf eine Steinbaukontinuität seit der Antike gibt.

Der über die anschliessenden Jahrhunderte gleich bleibende Typus des städt. B.es war ein schmaler, drei- oder viergeschossiger Baukörper in Stein, über schmalen, tiefen Hofstätten (Riemenparzellen), die den Hausbau in Grund- und Aufriss beschränkten. Im Erdgeschoss befanden sich Werkstätten, Verkaufs- und Lagerräume oder das Kontor, in den Obergeschossen Wohnstuben, die Küche sowie Schlafräume und im Estrich Vorratskammern. Mit der vom 15. Jh. an im Wohnbau üblich werdenden Fensterverglasung entwickelte sich der spätgot. "Fensterluxus" mit gestaffelten und masswerkgeschmückten Fensterreihen (z.B. Freiburg). Die Ausbildung des bürgerl. Patriziats im SpätMA führte zu differenzierten Bauweisen: Durch Zusammenlegung von Hofstätten entstanden repräsentative Patrizierbauten mit breiten Fronten (z.B. Ritter'scher Palast in Luzern ab 1557, Maison Turrettini in Genf 1617-20), die mit der Zeit ganze Strassenzüge belegen konnten, wie die Reichengasse in Freiburg, die Junkerngasse in Bern, die Rittergasse in Basel oder die Casa dei Canonici in Locarno, ein unter Cristoforo Orelli errichtetes Patrizierhaus. Höhepunkte einer neuen, vom bürgerl. Patriziat getragenen städt. Baukultur sind das bemalte Haus zum Ritter in Schaffhausen (um 1570), das Hôtel Ratzé in Freiburg (1583-86) oder die Casa Serodine in Ascona mit prunkvollen Fassadenstuckaturen (1620). In Städten des aufstrebenden Gewerbes mit machtvollen Handwerkern und Kaufleuten bildete vom 16. Jh. an das Zunfthaus das kollektive Gegenstück zum patriz. Stadtpalais (Geltenzunft in Basel 1578, Zunfthaus zur Meise in Zürich 1752-57). Die reichste bauliche Differenzierung mit stärkstem Kontrast zwischen bescheidenen und Wohlstand repräsentierenden B.ern erfolgte im 17. Jh. Der äusseren Erscheinung des Strassenbildes mit üppigem Fassadenschmuck (z.B. Stein am Rhein) entsprach im Innern relative Kleinräumigkeit und Bescheidenheit. Die Zeit zwischen 1500 und 1700 und die Stilsprachen von Gotik und Renaissance bilden in der dt. Schweiz den Höhepunkt der bürgerl. Bau- und Wohnkultur, der auch in der Baumeisterliteratur Niederschlag fand (z.B. Daniel Hartmanns "Bürgerl. Baukunst" 1688). Ihre Elemente, wie vertäferte Stuben, geschnitzte Möbel, Erker, Butzenscheibenfenster, Kachelöfen und Wappenscheiben sind bis in den Heimatstil unter "Altschweizer Baukunst" figurierende Topoi.

Vom 16. Jh. an beeinflusste die urbane Baukultur auch den ländl. Raum (z.B. Ital-Reding-Haus in Schwyz 1609-32), wobei das städt. Patriziat seinerseits auch kulturelle Formen des Landadels übernahm. So entstand - verbunden mit dem Bestreben der Städte, ihre Landeshoheit auszuweiten - eine vom Patriziat getragene Landsitzarchitektur als Statussymbol des Stadtbürgers wie der Landsitz Mariahalde in Erlenbach (ZH) um 1770 oder die vornehmen Wohnhäuser der Fam. Marcacci in Tenero und in Brione (Verzasca). Im 18. und 19. Jh. entwickelte eine zweite städt. Kolonisationswelle durch Kaufmannsfamilien oder Unternehmer die ganzjährig bewohnte Vorstadtvilla (villa suburbana) wie La Poya in Freiburg (um 1700), das Palais DuPeyrou in Neuenburg (1764-70) oder das Château de Beaulieu in Lausanne (vor 1765 begonnen).

Die B.-Forschung ist historisch nicht zu trennen von der Schweizer Heimatschutzbewegung und der internat. Hausforschung, die um 1900 mit Untersuchungen über Regional- und Einzelformen im profanen Wohnbau (Burgen, Bauernhäuser und B.er) die Breite des Themas entdeckte und sich in bewussten Gegensatz zur auf Sakralarchitektur konzentrierten Kunstgeschichte stellte. Die wissenschaftl. Erforschung der B.er in der Schweiz war international gesehen eine Pioniertat. Sie wurde von den Promotoren als nationale Aufgabe deklariert und als Ergänzung der Kunstdenkmälerinventarisation ins Leben gerufen. Grundlage war die Einsicht in die ausgeprägte "bürgerl. Kultur" der Schweiz mit qualitätvollen lokalen Bautraditionen, die, im Heimatstil theoretisch verankert, als nationales Erbe Vorbildcharakter für modernes Bauen haben sollten. Träger war der Schweiz. Ingenieur- und Architektenverein. 1910 erschien der erste Band der Reihe "Das B. in der Schweiz", die Vorbild für die dt. Forschung war ("Das Dt. B." 1958-). Die Wurzeln der B.-Forschung reichen bis weit ins 19. Jh. zurück. Die Abgrenzung zu den Herrschaftshäusern konnte - schon wegen des Aufstiegs von Teilen des Bürgertums in die Aristokratie in SpätMA und Frühneuzeit - nicht präzis erfolgen. So behandeln beispielsweise die Tessiner Bände der Reihe Patrizier- und Herrschaftshäuser in den Städten und auf der Landschaft, ebenso städt. Wohnhäuser und nur im Sommer oder ganzjährig bewohnte vorstädt. Residenzen der einheim. und der ital. Aristokratie. Wegen der fliessenden Grenzen zu anderen Profanarchitekturen wurden die B.er anfänglich von Kunsthistorikern sowie innerhalb der älteren Bauernhausforschung von Volkskundlern mit berücksichtigt. Heute ist die B.-Forschung Bestandteil der transdisziplinären Bauforschung, die natur- und geisteswissenschaftl. Disziplinen umfasst.


Literatur
– G. Fatio, G. Luck, Augen auf!, 1904
Das B. in der Schweiz. Ein Aufruf, 1907
Das B. in der Schweiz, 30 Bde., 1910-37
– H. Hoffmann, Bürgerbauten der alten Schweiz, 1931
– P. Meyer, Das schweiz. B. und Bauernhaus, 1946
– J. Hähnel, Hauskundl. Bibl. 3, 1975
AH 4
Soll und Haben, Fs. für P. Hugger zum 65. Geburtstag, hg. von U. Gyr, 1995
– G. Bourgarel, Fribourg-Freiburg, 1998
– E. Crettaz- Stürzel Heimatstil, 2005

Autorin/Autor: Elisabeth Crettaz-Stürzel