Universität Genf

Die U., die bis 1873 eine Akademie war, entstand 1559 aus einem humanist.-theol. Seminar, das seinerseits auf ein collège (Schule v.a. für Latein- und Französischunterricht) folgte. Diese unter der Leitung der Compagnie des pasteurs stehenden Institutionen bildeten das öffentl. Schulwesen des ref. Genf.

Während Johannes Calvin bei der Gründung der Akademie eine wichtige Rolle gespielt hatte, war Theodor Beza, der vorher an der Akad. Lausanne gewirkt hatte, für deren Leitung und Entwicklung von Bedeutung. 1565 wurden in der Schule, die Genfer Pfarrer und Magistraten ausbilden sollte, auch jurist. Studien betrieben. Als kulturelle Hauptstadt des frankofonen Protestantismus zogen Genf und seine Akademie Studenten und Humanisten aus den ref. Gebieten Europas an. Anfang des 18. Jh. wurden Mathematik und Physik als neue Studienfächer eingeführt. Im Lauf des Jahrhunderts bildete sich in Genf eine bemerkenswerte wissenschaftl. Gemeinde heraus. Mehrere Gelehrte wirkten zwar als Professoren an der Akademie, entwickelten ihre wissenschaftl. Aktivitäten aber weitgehend am Rand oder ausserhalb der Schule; die Akademie öffnete sich auch den neuen Geistesströmungen in den Fächern Jurisprudenz und Theologie. Die Studenten stammten zunehmend aus der Umgebung. Damit folgte die Genfer Akademie einem europ. Trend zur "Territorialisierung" der Hochschulen. Mit einem Dutzend Lehrstühlen und einigen Dutzend immatrikulierten Studenten war der Bestand der Institution bescheiden.

Während der franz. Herrschaft 1798-1813 erhielt die Akademie mit der Einführung akad. Grade und der Unterteilung in Fakultäten eine Organisation, die stärker auf die Bedürfnisse einer Universität ausgerichtet war. Diese Modernisierung setzte sich während der Restauration fort. Die aus der Aufsicht der ref. Kirche entlassene Akademie erhielt 1835 weitgehende Autonomie. Sie umfasste damals die vier Fakultäten Geisteswissenschaften, Naturwissenschaften, Jurisprudenz und Theologie sowie 26 Lehrstühle. Die Zahl der Studierenden lag unter 200.

Nach der Machtergreifung der Radikalen 1847 erlebte die Akademie, die auf der Seite des gestürzten Regimes gestanden hatte, turbulente Zeiten. Professoren demissionierten oder wurden entlassen. Um 1870 waren die Voraussetzungen für die Gründung einer Universität nach dt. Vorbild, gleichsam ein Zentrum der freien wissenschaftl. Forschung und eine Institution für spezialisierte Ausbildungen, gegeben. Ihr Schöpfer war der Naturforscher Carl Vogt. 1873 beschloss der Gr. Rat die Gründung einer medizin. Fakultät und die Umwandlung der Akademie in eine Universität, die 1876 eröffnet wurde. Deren bedeutendste Bereiche waren die Naturwissenschaft und Medizin, welche auf die empir. Laborforschung ausgerichtet waren. In den humanist. Fächern pflegte namentlich der Linguist Ferdinand de Saussure einen wissenschaftl. Ansatz.

Aus einigen Studienangeboten in Sozialwissenschaften, die ab 1872 eingeführt worden waren, entstand 1915 die sozial- und wirtschaftswissenschaftl. Fakultät. Das 1912 eingerichtete Institut Jean-Jacques Rousseau, in dem sich Jean Piaget einen Namen machte, wurde 1975 zur siebten Fakultät (Psychologie und Erziehungswissenschaften). Eine Übersetzer- und Dolmetscherschule existiert seit 1941, während die 1942 gegr. Architekturschule 2009 im neu geschaffenen interfakultären Institut des sciences de l'environnement aufging. Zudem sind der U. versch. Institutionen angeschlossen, welche die internat. Rolle Genfs widerspiegeln: Das 1927 von William Emmanuel Rappard gegr. Institut universitaire de hautes études internationales sowie das Institut universitaire d'étude du développement, die 2008 im Institut de hautes études internationales et du développement zusammengelegt wurden, ausserdem das 1963 von Denis de Rougement ins Leben gerufene Institut universitaire d'études européennes, seit 1992 Institut européen de l'université de Genève.

Der Lehrkörper verdoppelte sich zwischen 1876 und 1955 von 53 auf 106 Dozierende und verdreifachte sich von 1955 bis 1985 auf 334 Personen. 2010 umfasste er 563 Dozierende. 19% davon waren Frauen; zur ersten weiblichen ao. Professorin wurde 1918 Lina Stern ernannt. Anfang des 20. Jh. stieg die Zahl der Studierenden von ca. 800 im Jahr 1900 auf 1'600 im Jahr 1913 stark an, wobei Frauen, die seit 1871 zugelassen sind, mehr als ein Drittel ausmachten. Aufgrund der starken Präsenz russ. Staatsangehöriger, die häufig jüd. Glaubens und weiblich waren, waren fast 80% der Studierenden ausländ. Herkunft. Während der beiden Weltkriege ging die Zahl der ausländ. Studierenden zurück, stieg jedoch nach 1945 wieder stark an. Nach 1960 überwogen aber erneut Studierende aus Genf und anderen Kantonen.

Das Wirtschaftswachstum und die Demokratisierung der Hochschulen hatten eine starke Zunahme der Immatrikulationen von 2'000 im Jahr 1946 auf 7'000 im Jahr 1975 zur Folge. Seither hat sich die Zahl der Studierenden noch einmal auf 14'230 im Jahr 2010 verdoppelt. 37% von ihnen stammten aus dem Ausland, 61% waren Frauen. Die wachsende Zahl der Studierenden und die Bedürfnisse der Forschenden machten in der 2. Hälfte des 20. Jh. zahlreiche Neubauten notwendig (Uni Dufour, Centre médical universitaire, Uni Mail etc.).

Das starke Wachstum, die Vervielfachung der Studienfächer und der Bildungsmöglichkeiten sowie die Organisation der Forschung in Instituten und Laboratorien führten zu Krisen und Spannungen, welche die U. zwangen, ihre institutionnelle Grundlage neu zu definieren. Nach den Protesten von 1968 wurden 1973 für Professoren, wissenschaftl. Mitarbeiter, Studierende und das Personal Mitwirkungsorgane geschaffen. Die 2005 in Kraft getretene Bologna-Reform, die Zusammenarbeit versch. Schweizer Universitäten unter gemeinsamer Nutzung gewisser Ressourcen, die Komplexität der Finanzierung und der Forschungsorganisation wie auch die Stärkung des Rektorats und der zentralen Verwaltung mündeten 2006-07 in einer tiefen Führungskrise. Nach dem 2008 verabschiedeten Universitätsgesetz wird die U. nach betriebswirtschaftlich orientierten Bewertungskriterien und Managementgrundsätzen geleitet.


Literatur
– M. Marcacci, Histoire de l'Université de Genève, 1559-1986, 1987
Regards sur l'Université de Genève, 2009
– M. Pasquier, E. Fivat, Crise de l'Université de Genève, 2009

Autorin/Autor: Marco Marcacci / SRL