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Castelmur

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Gewaltige Burgruine auf schwer zugängl. Felsriegel oberhalb von Promontogno (Gem. Bondo). Versch. Wehrbauten aus dem Hoch- und SpätMA, aber auch aus älterer Zeit sind fassbar. C. bildete insgesamt eine grosse Tal- und Strassensperre mit alter Talkirche, an der Stelle der röm. Strassenstation Murus. Neben der Befestigungsanlage von Bellinzona ist C. das bedeutendste Beispiel einer ma. Talsperre im Gebiet der heutigen Schweiz. Auf dem höchsten Felskopf erhob sich ein viereckiger Wehrturm, über dessen Nutzung (Wehr- oder Wohnbau?) und Alter wegen der dürftigen Spuren keine gültigen Aussagen gemacht werden können. Auf einer tieferen Geländestufe liegt die ehemalige Talkirche S. Maria (Nossa Donna). Das jetzige Schiff stammt aus dem 19. Jh., der Campanile ist romanisch. Doch ist der Sakralbezirk zweifelsfrei ins FrühMA zu datieren. Auf einem weiten Felsband nördl. der Kirche erhob sich eine gross angelegte feudale Burganlage mit Turm (um 1200), Bering und Nebengebäuden. Auf der über dem Fluss Maira gelegenen Felsstufe schützten massive Wehrmauern mit breiten Toröffnungen die alte Talstrasse.

Archäolog. Freilegungsarbeiten 1921-28 haben im Bereich der Sperre eine bis in die röm. Kaiserzeit zurückreichende Siedlung nachgewiesen: Mehrere Bauten, darunter eine mit einem hypokaustierten Raum, kamen ans Licht. Später fand man u.a. zwei Weihealtärchen aus Lavez mit Stifterinschriften. Die Befestigung wurde im FrühMA ausgebaut sowie die Talkirche Nossa Donna errichtet. C. wird um 840 im churrät. Reichsgutsurbar zusammen mit einer Zollstätte erwähnt, nach der zeitweise die ganze Anlage benannt wurde (Porta Bergalliae). Um 960 wurde der Bf. von Chur Besitzer der Talsperre und des gesamten Tales. Da Chiavenna immer wieder versucht hat, die Talsperre in seine Hand zu bekommen, waren die Bf. von Chur auf treue Untergebene auf der Feste C. angewiesen. So wohnte die Fam. von C. auf der Anlage, die dem Geschlecht zu seinem Namen verhalf. Im 15. Jh. verlor die Burg ihre militär. Bedeutung. Zwar diente sie noch versch. Pfandherren als Wohnstätte, doch wurden keine Ausbauten und Verstärkungen mehr vorgenommen. Im 16. Jh. fielen die herrschaftl. Rechte an die Gemeinde, weshalb die Burg bald aufgegeben worden ist. Bereits um 1600 ist C. eine Ruine.


Literatur
– O.P. Clavadetscher, W. Meyer, Das Burgenbuch von Graubünden, 1984, 225-229
– W. Drack, R. Fellmann, Die Schweiz zur Römerzeit, 1991, 84 f.

Autorin/Autor: Maria-Letizia Boscardin