• <b>Karl Ludwig von Haller</b><br>Titelseite der Schrift, in der Haller seine Konversion zum Katholizismus erklärt. Deutsch-französische Ausgabe, Stuttgart 1821 (Schweizerische Nationalbibliothek). Haller schickte sein französisch verfasstes Konversionsschreiben am 13. April 1821 von Paris nach Bern. Am 18. April wurde es in der Familie verlesen, danach mit Einverständnis des Autors in verschiedenen Ausgaben veröffentlicht.

No 30

Haller, Karl Ludwig von

geboren 1.8.1768 Bern, gestorben 20.5.1854 Solothurn, ref., ab 1820 kath., von Bern, ab 1829 von Solothurn. Sohn des Gottlieb Emanuel ( -> 19). Enkel des Albrecht ( -> 4). ∞ 1806 Katharina von Wattenwyl, Tochter des David Salomon Ludwig, Offiziers in holländ. Diensten, Landvogts in Fraubrunnen und Mitglieds des Gr. Rats.

H. besuchte die Berner Hohe Schule und machte dann Karriere im Staatsdienst der Republik Bern. Er war 1797 Gesandter in Oberitalien, wo er Napoleon Bonaparte traf, sowie Mitglied der Delegation an den Kongress von Rastatt. Im Febr. 1798 arbeitete er einen Verfassungsentwurf für die Berner Regierung aus. Die Helvet. Republik und das revolutionäre System bekämpfte er mit seiner Zeitschrift "Helvetische Annalen"; der ihm deshalb drohenden Verhaftung entzog er sich durch Flucht nach Süddeutschland. 1799-1805 arbeitete er im österr. Staatsdienst in Wien. Er wurde 1806 Prof. für Staatsrecht an der neu gegr. Akademie in Bern, Zensor (bis 1809), Prorektor der Akademie, 1810 Mitglied des Gr. und 1811 des Kl. Stadtrats von Bern. Unter dem Regime der Restauration wurde er 1814 in den Gr. oder Souveränen Rat der Republik Bern gewählt. 1815 war er Koautor der "Urkundl. Erklärung des Gr. Raths von Bern", der neuen - dieses Wort wurde vermieden - Verfassung des Kt. Bern, und 1816 rückte er in den Geheimen Berner Rat auf. 1816 erschien auch der erste Band seines Hauptwerks "Restauration der Staatswissenschaft", das ihn rasch über die Landesgrenzen hinaus berühmt machte und der Epoche bis heute den Namen gibt. 1817 trat er von seiner (wenig erfolgreichen) Professur zurück. Polit. Wühlerei und Schriften wie "Über die Constitution der span. Cortes" (1821) festigten seinen Ruf als Ultrareaktionären, der mit den Vertretern der Hl. Allianz wie z.B. dem bayer. Gesandten Johann Franz Anton von Olry unter einer Decke steckte. Nach der Bekanntmachung der geheim erfolgten Konversion zum Katholizismus im Frühling 1821, die ein europaweites Echo auslöste, enthob ihn der Berner Gr. Rat am 11.6.1821 all seiner Ämter. H. ging daraufhin erneut ins Exil. 1824 wurde er Publiciste attaché au Ministère des affaires étrangères in Paris. Kurz nach der Julirevolution zog er 1830 nach Solothurn, wo er als Führer der Ultrakonservativen 1834-37 Mitglied des Gr. Rates war. Unermüdlich veröffentlichte er Kampfschriften gegen Liberalismus, Freimaurerei und das revolutionäre System überhaupt und pflegte seine Beziehungen zum Kreis der europ. Konservativen und Reaktionäre. Sonderbund, Bundesstaat und die europ. Revolutionen von 1848-49 empfand er als persönl. Niederlage und Entwertung seines Lebenswerks.

H. wandte sich in seiner Staatstheorie gegen die Lehre Rousseaus, gemäss welcher der Staat aus einer freien Vereinbarung der Einzelnen hervorginge; die Vorstellung einer Gleichheit der Menschen, auf welcher der Gedanke des Gesellschaftsvertrags beruht, stelle angesichts der naturgegebenen Ungleichheit eine Illusion dar. Naturgesetz und gottgewollt sei vielmehr die Herrschaft des Stärkeren über den Schwächeren; jeder Herrscher sei ein Statthalter Gottes und regiere von Gottes Gnaden. H.s Versuch einer rationalist. Legitimation des Ancien Régime, fundamentalist. Programm der Gegenrevolution und Kampfansage an die Moderne, hat, wenn auch nur für kurze Zeit, eine gewaltige Ausstrahlungskraft besessen. Sie wirkte auf die polit. Romantik (Adam Müller, Achim von Arnim), die Staatslehre des polit. Katholizismus (Louis de Bonald, Joseph de Maistre), die Konservativen im spätromant. Berlin (Christl.-germ. Kreis um die Brüder Gerlach, Friedrich Wilhelm IV.) und fand Anhänger unter den Konservativen aller Länder Europas. Der "Restaurator" war eine Persönlichkeit von europ. Format, von dem Anregungen auf fast alle führenden konservativen Politiker, Denker und Publizisten seiner Epoche ausgingen.

<b>Karl Ludwig von Haller</b><br>Titelseite der Schrift, in der Haller seine Konversion zum Katholizismus erklärt. Deutsch-französische Ausgabe, Stuttgart 1821 (Schweizerische Nationalbibliothek).<BR/>Haller schickte sein französisch verfasstes Konversionsschreiben am 13. April 1821 von Paris nach Bern. Am 18. April wurde es in der Familie verlesen, danach mit Einverständnis des Autors in verschiedenen Ausgaben veröffentlicht.<BR/>
Titelseite der Schrift, in der Haller seine Konversion zum Katholizismus erklärt. Deutsch-französische Ausgabe, Stuttgart 1821 (Schweizerische Nationalbibliothek).
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Werke
Restauration der Staatswiss., 6 Bde., 1816-34 (Nachdr. 1964)
Archive
– Teilnachlässe in BBB und StAFR
Literatur
– E. Reinhard, Karl Ludwig von H., 1933
– C. Pfister, Die Publizistik Karl Ludwig von H.s in der Frühzeit, 1975
– R. Roggen, "Restauration" - Kampfruf und Schimpfwort, 1999
– F.W. Bautz, Biogr.-Bibliograph. Kirchenlex. 17, 2000, 587-614

Autorin/Autor: Albert Portmann-Tinguely