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No 4

Haller, Albrecht von

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geboren 16.10.1708 Bern,gestorben 12.12.1777 Bern, ref., von Bern. Sohn des Niklaus Emanuel ( -> 34) und der Anna Maria Engel. ∞ 1) 1731 Marianne Wyss, Tochter des Samuel, Spezereihändlers, von Bern, 2) 1739 Elisabeth Bucher, Tochter des Johann Rudolf, Ratsherrn, von Bern, 3) 1741 Sophie Amalie Christine Teichmeyer, Tochter des Hermann Friedrich, Prof. der Medizin in Jena. Die kaiserl. Nobilitierung H.s erfolgte 1749.

H. besuchte 1718-22 die Hohe Schule in Bern und studierte 1723 in Tübingen und ab 1725 in Leiden bei Herman Boerhaave und Bernhard Siegfried Albinus Medizin (1727 Dr. med.). Nach Aufenthalten in London und Paris besuchte er 1728-29 in Basel bei Johann Bernoulli Vorlesungen über Mathematik und betätigte sich als Dozent der Anatomie an der Univ. Basel. Anlässlich einer 1728 mit Johannes Gessner unternommenen Jura- und Alpenreise lernte er die Berge, ihre Bewohner und die Pflanzenwelt kennen. 1729-36 praktizierte er in Bern als Arzt, eröffnete 1735 ein Theatrum anatomicum zur Weiterbildung von Medizinern und unternahm botan. Reisen. Bewerbungen um eine Stadtarztstelle und um eine Professur der Eloquenz blieben erfolglos (1734). 1735 wurde H. Berner Stadtbibliothekar. 1736-53 wirkte er als Prof. der Anatomie, Botanik und Chirurgie in Göttingen, wo er massgeblich zum Aufschwung der jungen Universität beitrug, das anatom. Institut und den botan. Garten einrichtete und sich mit intensiver Forschungs- und Publikationstätigkeit einen Namen machte. Vom Kurator der Universität hoch geschätzt, besass H. einen bedeutenden Einfluss, so 1751 auf die Gründung der Königl. Gesellschaft der Wissenschaften (später Akademie), die er Zeit seines Lebens präsidierte. Bei allem wissenschaftl. Ehrgeiz erstrebte H. von Anfang an eine Laufbahn im bern. Staatsdienst. Mit Unterstützung des Schultheissen Isaak Steiger trat H. 1745 in den Berner Gr. Rat ein, dem er in absentia angehörte, bis er 1753 nach Bern zurückkehrte und das Amt des Rathausammanns erhielt, das er bis 1757 versah. 1758-64 war er Direktor der bern. Salinen in Roche (VD), 1762-63 zudem Amtsstatthalter von Aigle. Als Mitglied mehrerer Gremien setzte er sich für Reformen im Schul- und Medizinalwesen ein und gehörte zu den Mitbegründern des Waisenhauses. Ausserdem präsidierte er die Ökonom. Gesellschaft. 1764 erwarb er die Herrschaft Goumoens-le-Jux mit dem Dorf Eclagnens und nannte sich fortan "H. de Goumoëns". Nach langem Zögern lehnte er 1769, als er zum Assessor perpetuus des Sanitätsrates ernannt wurde, eine erneute Berufung nach Göttingen ab. Der Eintritt in den Kl. Rat blieb ihm trotz mehrerer Kandidaturen zwischen 1764 und 1773 versagt.

In der 1. Hälfte des 18. Jh. war H.s "Versuch Schweiz. Gedichten" (1732, 111777) in der dt. Literatur von grosser Wirkung. H. schilderte das Hochgebirge, stellte das naturnahe Leben der Alpenbewohner den verdorbenen Sitten der Städter gegenüber und übte - wie Beat Ludwig von Muralt - Kritik am Einfluss Frankreichs ("Die Alpen" 1729, "Die verdorbenen Sitten" 1731, "Der Mann nach der Welt" 1733). Mit dem Mut der Aufklärer zog er überkommene Wahrheiten in Zweifel und suchte Halt in der Erkenntnis der Natur, deren Zweckmässigkeit ihn auf den Schöpfer wies ("Über Vernunft, Aberglauben und Unglauben" 1729, "Über den Ursprung des Übels" 1734, "Unvollkommenes Gedicht über die Ewigkeit" 1736). Nach bewegenden Klagegedichten auf den Tod seiner ersten und seiner zweiten Frau, verstummte die Stimme des Dichters; es entstanden lediglich noch einige Gelegenheitswerke.

H.s naturwissenschaftl. Forschung stützt sich auf möglichst umfassende, durch Beobachtung und Experiment gemachte Erfahrungen, auf die Kenntnis der Literatur und den ständigen Austausch, u.a. mittels einer ausgedehnten Korrespondenz (erhalten sind ca. 3'000 Briefe von H. und 12'000 an ihn als Adressaten). Als Anatom stellte H. dank umfangreichem Autopsiematerial erstmals den typ. Verlauf der Arterien im menschl. Körper dar ("Icones anatomicae" 1743-56). Die Physiologie verstand er als belebte Anatomie (animata anatome). Zunächst Boerhaave kommentierend und dessen Schriften herausgebend (1739-44), verfasste er 1747 ein eigenes Lehrbuch, das bis zum Ende des 18. Jh. grosse Verbreitung fand ("Primae lineae physiologiae"). Auf Grund zahlreicher Tierversuche wies H. die Sensibilität den Nerven und die Irritabilität (Reizbarkeit) den Muskeln zu ("De partibus corporis humani sensilibus et irritabilibus" 1752). Einer materialist. Interpretation dieser Befunde, etwa im Sinne von Julien Offray de La Mettrie, trat er energisch entgegen. Weitere Studien galten der Strömung des Blutes und der Embryonalentwicklung (Bildung des Herzens, der Knochen, Entstehung von Missbildungen). Das ganze anatom.-physiolog. Wissen stellte H. kritisch sichtend in den "Elementa physiologiae corporis humani" (1757-66) dar, einem monumentalen Werk, das bis ins 19. Jh. autoritative Geltung behielt.

Als Botaniker gab H. mit Unterstützung befreundeter Sammler die bis anhin vollständigste Schweizer Flora heraus ("Enumeratio methodica stirpium Helvetiae indigenarum" 1742, "Historia stirpium indigenarum Helvetiae inchoata" 1768). Die Neuerungen Carl von Linnés in Nomenklatur und Systematik lehnte er ab, was der Breitenwirkung seiner Werke abträglich war.

H.s vielseitige Gelehrsamkeit fand ihren Niederschlag in über 9'000 Buchbesprechungen (erschienen meist in den "Göttingischen Anzeigen von Gelehrten Sachen"), ferner in den vier "Bibliothecae" (1771-88), in denen er das medizin. Schrifttum von den Anfängen bis zu seiner Zeit verzeichnete und beurteilte. In Romanen und Briefen verteidigte er gegen Rousseau die aristokrat.-republikan. Staatsform ("Usong" 1771, "Alfred" 1773, "Fabius und Cato" 1774) und gegen Voltaire den Offenbarungsglauben, zu dem er nach den Zweifeln der 1730er Jahre zurückgekehrt war ("Briefe über die wichtigsten Wahrheiten der Offenbarung" 1772, "Briefe über einige Einwürfe nochlebender Freygeister wieder die Offenbarung" 1775-77). H. war Mitglied aller wichtigen Akademien und zahlreicher gelehrter Gesellschaften.


Archive
– BBB, Nachlass, Korrespondenz
– Biblioteca Nazionale Braidense, Mailand, Bibliothek, Teilnachlass
Literatur
– C. Siegrist, Albrecht von H., 1967
– H. Balmer, Albrecht von H., 1977
– S. Valceschini, Albert de H., vice-gouverneur d'Aigle en 1762-1763, 1977
Catalogo del Fondo H. della Biblioteca nazionale Braidense di Milano, hg. von M.T. Monti, 1983-90
The Correspondence between Albrecht von H. and Charles Bonnet, hg. von O. Sonntag, 1983
– F.R. Kempf, Albrecht von H.s Ruhm als Dichter, 1986
The Correspondence between Albrecht von H. and Horace-Bénédict de Saussure, hg. von O. Sonntag, 1990
– M.T. Monti, Congettura ed esperienza nella fisiologia di H., 1990
Albrecht von H. in Göttingen: 1736-1753, hg. von U. Boschung, 1994
Repertorium zu Albrecht von H.s Korrespondenz 1724-1777, 2 Bde., hg. von U. Boschung et al., 2002
Bibliographia Halleriana, hg. von H. Steinke, C. Profos, 2004
H.s Netz. Ein europ. Gelehrtenbriefwechsel zur Zeit der Aufklärung, hg. von M. Stuber et al., 2005
– H. Steinke, Irritating Experiments, 2005

Autorin/Autor: Urs Boschung