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No 1

Erasmus von Rotterdam

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geboren Vermutlich 28.10.1466 (Desiderius Erasmus) wahrscheinlich in Rotterdam,gestorben 11./12.7.1536 Basel. Unehel. Sohn des Priesters Gerard, wohl aus der Gegend von Gouda, und der verwitweten Arzttochter Margaretha, von Zevenbergen bei Breda (alle Niederlande). E., der nach seiner Geburtsstadt den Beinamen Roterdamus annahm, hatte einen drei Jahre älteren Bruder. Sein Vater hatte zuvor in Italien gelebt; ob er die Priesterweihe bereits vor der Geburt seiner Söhne empfangen hatte, ist nicht sicher. Viele Äusserungen lassen erkennen, dass E. unter seiner unehel. Geburt gelitten hat; gegen die rechtl. Nachteile hat er sich später wiederholt abgesichert. Er besuchte Schulen in Gouda, Deventer und, nach dem vorzeitigen Tod beider Eltern, in Herzogenbusch (alle Niederlande). Um 1488 legte E. bei den Augustinerchorherren in Steyn bei Gouda seine Profess ab; 1492 wurde er Priester. In Steyn hatte der kränkl., bildungshungrige junge E. zwar Zugang zu einer beachtl. Bibliothek, die neben Kirchenvätern auch Klassiker enthielt, doch widersprach die monast. Disziplin dem ausgeprägten Freiheitsbedürfnis, das ihn zeitlebens auszeichnete.

1493 wurde E. von der Residenz im Kloster beurlaubt, vorerst um dem Bf. von Cambrai als Sekretär zu dienen. 1495-1501 studierte er an der Univ. Paris Theologie; daneben erteilte er Privatunterricht und brachte seine ersten Schriften zum Druck, so 1500 die "Adagia", eine Sammlung antiker Sprichwörter. Es folgten Aufenthalte in England (1499-1500, 1505-06, 1509-14), den Niederlanden (1501-04) und Italien (1506-09). In London bahnte sich die lebenslange Freundschaft mit Thomas More an. In Turin erwarb E. 1506 den theol. Doktorgrad; in Venedig gehörte er zum Mitarbeiterstab des berühmten Verlags von Aldus Manutius. Eine Beziehung zur Schweiz ist erstmals nachweisbar, als E. 1496/97 in Paris den aus Basel stammenden Guillaume Cop (Kopp) zum ärztl. Betreuer und Freund gewann. Im Herbst 1513 wurde dem Basler Verleger Johannes Froben eine Neubearbeitung der "Adagia", vielleicht nicht ohne Zutun des Autors, in die Hände gespielt. Im Aug. 1514 traf E. selber erstmals in Basel ein. Dort verbrachte er den grösseren Teil der nächsten zwei Jahre; ein weiterer Besuch erfolgte aus den Niederlanden im Sommer 1518. Zur eigentl. Niederlassung in Basel kam es im Nov. 1521. Was E. nach Basel zog und dort heimisch werden liess, war v.a. das Verlagshaus Froben, dem er bis an sein Lebensende die Erstausgaben fast aller seiner Schriften anvertrauen sollte. Als Erstes übernahm er die wissenschaftl. Leitung einer umfangreichen Gesamtausgabe des Kirchenvaters Hieronymus. Ihr liess er 1516 sein Neues Testament im griech. Originaltext mit eigener lat. Übersetzung und ungezählten Anmerkungen folgen. Die krit. Textausgabe war eine Pionierleistung; noch wichtiger war die lat. Übersetzung. Beide sollten für Luther, für die Zürcher und die Genfer Bibel sowie für die anglikan. Bibelübersetzungen massgebend werden.

Zum Beschluss, in Basel Wohnsitz zu nehmen, trugen polit. und besonders religiöse Erwägungen bei: Demokrat. Mitbestimmungsrecht war E. wichtig; in der Schweiz glaubte er es zu finden, während er es in seinem Geburtsland in zunehmendem Masse unterdrückt sah. Noch mehr lag ihm daran, der in den Niederlanden einsetzenden religiösen Verfolgung zu entrinnen. Zwar hatte er sich von Luther bereits abgekehrt, doch war er vorderhand nicht bereit, ihn direkt anzugreifen oder von seiner eigenen Kritik kirchl. Missstände Abstand zu nehmen. Namentlich durch seine Verbindung mit der Offizin Froben wurde E. zum Mittelpunkt eines grossen Humanistenkreises, dem Freunde und Bewunderer aus ganz Europa, von Portugal bis Polen, angehörten (Humanismus). In Basel selbst standen ihm Bonifacius Amerbach, Beatus Rhenanus, Glarean, Ludwig Bär, Konrad Pellikan, Johannes Oekolampad und Simon Grynaeus besonders nahe. Von zeitweiligen Spannungen blieb allerdings kaum eine Freundschaft verschont, da E., besonders im Alter, zu Misstrauen neigte. Manchen jüngeren Freunden, so Zwingli, konnte er ihr tatkräftiges Eintreten für die Reformation nicht verzeihen. Der von ihm hoch geschätzte Hans Holbein der Jüngere hat E. mehrmals porträtiert und 1515/16 ein Exemplar von dessen 1511 erstmals erschienenem "Lob der Torheit" mit Randzeichnungen versehen. Während das "Lob der Torheit" selbst v.a. durch die Erfahrungen in England und Italien geprägt ist, spielen in den "Colloquia" (erweiterte Ausgaben ab 1522), einem fast ebenso bekannten und beliebten Werk, basler. und schweiz. Belange eine grössere Rolle. So wird in diesen erbaul.-witzigen Gesprächen an den Jetzerhandel, die demonstrative Missachtung der Fastengebote in Zürich und Basel und an die Bilderstürme der Zwinglianer erinnert. Ebenso hat E. dort seine bärbeissige Haushälterin Margarete Büsslin verewigt. Zu aktuellen Streitpunkten der Reformationsdebatte äusserte sich E. auch in Denkschriften und Briefen sowohl an den Rat als auch an den Bf. von Basel (1522-25). Inzwischen hatte die grosse Auseinandersetzung mit Luther über die Willensfreiheit mit E.s "De libero arbitrio" (1524) und Luthers Antwort "De servo arbitrio" (1525) begonnen. Sie wurde zumal vom Reformator leidenschaftlich geführt und besiegelte den Bruch zwischen ihnen. Auch die zunehmenden Erfolge der Basler Reformationsbewegung bereiteten E. Kummer, wiewohl er sich aus dem Tagesgeschehen möglichst heraushielt und seine abnehmende Arbeitskraft lieber auf Frobens Ausgaben wichtiger Kirchenväter verwandte. Als der Rat im Febr. 1529 die Messe abschaffte und prominente Altgläubige die Stadt verliessen, entschloss sich auch E. zögernd zum Aufbruch. Vom April 1529 bis zum Mai 1535 wohnte er in Freiburg i.Br. Erst die akute Verschlechterung seiner Gesundheit und v.a. der Wunsch, den Druck seiner letzten grossen Schrift, "Ecclesiastes", persönlich zu überwachen, bewegten ihn zur Rückkehr in das vertraute Basel. In Hieronymus Frobens Haus "Zum Luft" ist er gestorben. Sein Vermögen blieb Basel in Form einer von Bonifacius Amerbach betreuten Sozialstiftung erhalten. Die prot. Stadt ehrte ihn am 18.7.1536 mit einer Gedenkfeier im Münster, wo er bestattet liegt. 1538 wurde bei seinem Grab das noch heute sichtbare Epitaph angebracht. Das würdigste Denkmal setzte ihm die Froben'sche Offizin 1538-40 mit der Gesamtausgabe seiner Werke in neun Foliobänden.


Werke
Erasmi Roterodami Opus Epistolarum, hg. von P.S. Allen et al., 12 Bde., 1906-58 (krit. Ausg. der Korrespondenz; Nachdr. 1992)
Ausgewählte Schr., lat. und dt., hg. von W. Welzig, 1967-80
Opera Omnia Desiderii Erasmi, 1969-, (krit. Gesamtausg.)
Literatur
E., Ausstellungskat. Basel, 1986
– C. Augustijn, E., 1986

Autorin/Autor: Peter G. Bietenholz