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Schlatter, Adolf

geboren 16.8.1852 St. Gallen, gestorben 19.5.1938 Tübingen, ref., von St. Gallen. Sohn des Stephan ( -> 17). Bruder der Dora ( -> 6). ∞ 1878 Susanna Schoop, Tochter des Johannes, Kaufmanns. S. studierte 1871-75 Theologie in Basel und Tübingen (bei Johann Tobias Beck). 1875 arbeitete er als Vikar in Kilchberg (ZH), 1875-76 als Diakonatsverweser am Neumünster bei Zürich und 1877-80 als Pfarrer in Kesswil. Ab 1880 war er PD, 1888 ao. Prof. für neutestamentl. Exegese und Dogmengeschichte in Bern, wo er sein epochemachendes Buch "Der Glaube im Neuen Testament" (1885, 6. Aufl. 1982) schrieb. 1888 wechselte er als Ordinarius nach Greifswald und arbeitete mit dem Theologen Hermann Cremer zusammen, bis er 1893 in Berlin als konservatives Gegengewicht zum liberalen Adolf von Harnack zum Ordinarius berufen wurde. 1898-1922 wirkte S. als o. Prof. an der Univ. Tübingen, wo er nach seiner Emeritierung bis 1930 Lehrveranstaltungen hielt. Wissenschaftl. Pionierarbeit leistete S. in der Erforschung des rabbin. Judentums. Neben Kommentaren zum Neuen Testament publizierte er zu Dogmatik und Ethik und beschäftigte sich mit Philosophie. Als Exeget betrieb er eine nicht nur hist.-krit., sondern auch theol. Auslegung, womit er die Fragestellung der dialekt. Theologie vorwegnahm. Seine Ethik war in vieler Hinsicht progressiv, indem er Rücksichtnahme auf das Natürliche forderte und von der Unentbehrlichkeit von Fest, Spiel und Poesie sprach. S. beeinflusste mehrere Generationen von Pfarrern. Die Theologen Paul Althaus, Emil Brunner, Dietrich Bonhoeffer oder Wolfgang Trillhaas beriefen sich auf ihn. Anders als die Mehrzahl seiner Kollegen unterstützte S. die Weimarer Republik. Den aufkommenden Nationalsozialismus lehnte er ab, auch wenn er die Tragweite der Judenverfolgung unterschätzte. 1965 gründete sein Sohn Theodor die Adolf-Schlatter-Stiftung.


Werke
Das Schrifttum Adolf S.s, [1979]
Archive
– Landeskirchl. Archiv Stuttgart, Nachlass
Literatur
– W. Neuer, Adolf S., 1988 (Bildbiogr.)
– W. Neuer, Adolf S., 1996
NDB 23, 27 f.
– H. Hempelmann, Realist. Theologie

Autorin/Autor: Frank Jehle