• <b>Flugblätter</b><br>Holzschnitt, um 1653 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung). Das Flugblatt, das dem Werk des Vogts Ludwig Cysat über den Bauernkrieg von 1653 beigelegt ist, zeigt die von den Entlebuchern benutzten Waffen sowie das gegen die Erhebung gerichtete lateinische Gedicht des Willisauer Kaplans Jacob Wagenmann mit seiner deutschen Übersetzung.
  • <b>Flugblätter</b><br>Der Flugblatthändler auf einem Bauernhof. Hinterglasmalerei von  Cornel Suter,   um 1790 (Schweizerisches Nationalmuseum). Hauptsächlich Hausierer verbreiteten kleine Drucksachen, Almanache und Kalender in Städten und Dörfern. Im Ancien Régime entging diese Form der Ideendiffusion häufig der Zensur.

Flugblätter

F. sind ein- bis zweiseitige Druckschriften, die in knapper Form eine Nachricht oder Botschaft übermitteln. Der Buchdruck war also die Voraussetzung für ihre Entstehung. Die Grenze zwischen Flugblatt und längerem Schriftstück (Flugschrift) ist fliessend. Im 15. Jh. erschienen erste F. in Form von Ablassbriefen, Gebeten und Kalenderblättern. Später kursierten F. mit Nachrichten über Kriege, Schlachten, Hinrichtungen, Naturkatastrophen und Kometenerscheinungen. Diese Gelegenheitsblätter hiessen oft "Neue Zeitungen", was neue, aktuelle Nachricht bedeutete. Fliegende Händler verkauften an Messen und Märkten F., die Gesellschaftskritik, Sensationsmeldungen oder auch propagandist. Gedankengut enthielten. Techn. Neuerungen erlaubten eine raschere Vervielfältigung der Texte und förderten die Aktualität der veröffentlichten Nachrichten, womit die F., die neben dem Text oft Holzschnitte oder Kupferstiche enthielten, zu den Vorläufern der modernen Presse wurden.

<b>Flugblätter</b><br>Holzschnitt, um 1653 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung).<BR/>Das Flugblatt, das dem Werk des Vogts Ludwig Cysat über den Bauernkrieg von 1653 beigelegt ist, zeigt die von den Entlebuchern benutzten Waffen sowie das gegen die Erhebung gerichtete lateinische Gedicht des Willisauer Kaplans Jacob Wagenmann mit seiner deutschen Übersetzung.<BR/>
Holzschnitt, um 1653 (Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern, Sondersammlung).
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Die mit der Reformation erscheinenden kämpferischen und polem. Flugschriften wandten sich breit an die öffentl. Meinung, um diese für bestimmte religiöse und polit. Gesinnungen zu gewinnen. Die Drucker und Verbreiter der Flugschriften wollten diese v.a. in Zeiten polit. Wirren und Unruhen einer möglichst breiten Masse zugänglich machen. Besonders hohe Auflagen erreichten bestimmte Streitschriften Martin Luthers, die nach seinen eigenen Angaben in versch. Auflagen bis zu 4'000 Stück vertrieben wurden. Im Dreissigjährigen Krieg erlebten die F. eine Blütezeit: Sie erschienen mit Beschreibungen von Schlachten, Belagerungen und Plünderungen, aber auch - oft in Versform und von Karikaturen begleitet - als Streitschriften und Spottblätter. F. boten ihren Autoren den Vorteil, dass sie anonym erschienen und der Druckort rasch gewechselt werden konnte. Deshalb umgingen sie die Zensur leichter als die damals schon erscheinenden Wochenzeitungen.

In der Schweiz erschienen im 16. Jh. F. über die Schlachten in den Kappelerkriegen, den Wehrwillen der Eidgenossen gegenüber Kaiser Karl. V., die Befreiungskriege gegen Österreich und gegen die Vögte, ferner "wahrhaftige Relationen" über kriegerische Ereignisse. Aus dem 17. Jh. sind F. über die Spannungen und Kriegshandlungen zwischen Katholiken und Reformierten, die Gefahr der Religionsstreitigkeiten für die Einigkeit der Eidgenossenschaft sowie "Manifeste" und "Contramanifeste" der sich bekämpfenden Konfessionen, patriot. "Lieder", "Warnungsstimmen" und religiöse "Aufwecker" neben anderen zahlreichen "Discoursen" und "Berichten" zur polit. Lage im Land bekannt.

Eine besonders wichtige Rolle spielten F. in den Bauernkriegen und -aufständen im 17. Jh., auch im schweiz. Bauernkrieg von 1653. Viele F. brachten kritische Beschreibungen der Bauernschaft, andere stellten in Text und Illustration Szenen aus dem bäuerl. Alltag dar. Die Landbevölkerung wurde oft als Gegnerin des Papsttums und als Verfechterin des Protestantismus dargestellt. Das Erscheinen der ersten period. Zeitungen zu Beginn des 17. Jh. bedeutete nicht das Ende der F., die namentlich in stürm. Zeiten weiter kursierten. Über Auflagenhöhen im 17. und 18. Jh. liegen keine präzisen Angaben vor. Nach Schätzungen sollen es einige hundert Exemplare, in seltenen Fällen tausend gewesen sein. Nach Bedarf wurden F. in wenigen Tagen mehrmals nachgedruckt.

<b>Flugblätter</b><br>Der Flugblatthändler auf einem Bauernhof. Hinterglasmalerei von  Cornel Suter,   um 1790 (Schweizerisches Nationalmuseum).<BR/>Hauptsächlich Hausierer verbreiteten kleine Drucksachen, Almanache und Kalender in Städten und Dörfern. Im Ancien Régime entging diese Form der Ideendiffusion häufig der Zensur.<BR/>
Der Flugblatthändler auf einem Bauernhof. Hinterglasmalerei von Cornel Suter, um 1790 (Schweizerisches Nationalmuseum).
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Im Dt.-Franz. Krieg von 1870-71 benutzte man die F. auf eine neuartige Weise: Sie wurden während der Belagerung von Paris als Schmäh- oder Propagandaschriften aus Luftballons abgeworfen. Auch im 2. Weltkrieg erschienen F. wieder als psycholog. Kampfmittel und als Nachrichtenträger. Als Propagandamittel wurden sie zeitweise in Millionenauflagen verbreitet. Anlässlich der Pariser Mai-Unruhen von 1968 spielten F. eine neue Rolle als schnelle und billige Nachrichtenträger und in der Agitation für die Strasse. Im Alltag des beginnenden 21. Jh. sind F. nach wie vor im polit. Kampf von linken, ökologischen und bürgernahen Bewegungen, die über keine Lobby verfügen, von Bedeutung. Neuerdings werben sie auch in grafisch ausgeklügelter Form als sog. Flyers für meist kommerzielle Veranstaltungen wie Konzerte und Discos.


Literatur
– K. Kirchner, F.: Psycholog. Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg in Europa, 1974
– W. Harms, Dt. illustrierte F. des 16. und 17. Jh., 1985
– K. Schottenloher, J. Binkowski, Flugblatt und Zeitung 1, 1985
– H.-J. Köhler, Die Flugschriften der frühen Neuzeit, 1987
– R. Haftlmeier-Seiffert, Bauerndarstellungen auf dt. illustrierten F.n des 17. Jh., 1991
– H.-J. Köhler, Bibl. der Flugschriften des 16. Jh., 1991-
Canards sanglants: naissance du fait divers, hg. von M. Lever, 1993
– R. Scribner, For the Sake of Simple Folk, 1994
– E. Bollinger, Pressegesch. 1, 1995
Dt. illustrierte F. 7, hg. von W. Harms et al., 1997
Das illustrierte Flugblatt in der Kultur der Frühen Neuzeit, hg. von W. Harms, M. Silling, 1998
– D. Guggisberg, Das Bild der "Alten Eidgenossen" in Flugschriften des 16. bis 18. Jh., 2000
Wahrnehmungsgeschichte und Wissensdiskurs im illustrierten Flugblatt der Frühen Neuzeit (1450-1700), hg. von W. Harms, A. Messerli, 2002

Autorin/Autor: Ernst Bollinger