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Papier

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P. ist seit dem SpätMA auch in Europa der wichtigste Beschreibstoff. Es wurde vor der Zeitwende in China erfunden und durch die Araber im Mittelmeerraum verbreitet. Im 13. Jh. wurde in Italien die Herstellungstechnik grundlegend verbessert (Einführung des Lumpenstampfwerks und Drahtsiebs sowie Verwendung von tier. Leim). In der Schweiz begründeten Ende des 14. Jh. und zu Beginn des 15. Jh. im Papierhandel tätige Grosskaufleute mit Hilfe piemontes. Papiermacher eine einheim. Manufaktur als Ersatz für den bisherigen Import aus Italien und Frankreich. Diese Handwerker machten sich bald selbstständig. Als "freies" Handwerk waren sie den Zunftschranken nur bedingt unterworfen. Die ersten Papiermühlen (Mühlen) entstanden in der Umgebung Genfs (vor 1400, auf franz. Gebiet) und Freiburgs (vor 1432) sowie in Basel (1433), gefolgt von Worblaufen (vor 1466), Zürich (1470-72), Serrières (1477) und Baar (wohl vor 1500). In Basel sind vor 1500 12 Papiermühlen zu verzeichnen, die bald durch ausserhalb der Stadt gelegene Betriebe in Basler Besitz ergänzt wurden. So entstand in Basel ein Produktionszentrum von europ. Bedeutung. Basler P., vom 17. Jh. an v.a. Schreib- und Spezialpapier, fand sich häufig im westl., nördl. und östl. Europa. Das Wappen der Stadt Basel, der Baselstab, hat nicht nur einer Kanzlei- und Schreibpapiersorte (Kanzlei, Schriftlichkeit), dem "Stab-P.", seinen Namen gegeben, sondern wurde als Wasserzeichen auch in ganz Europa nachgeahmt.

Zur Herstellung von P. dienten ausschliesslich Textilabfälle (Lumpen) aus Leinen, später auch aus Baumwolle, sowie alte Hanfseile. Diese Rohstoffe, auch Hadern genannt, waren Mangelware, weshalb die Obrigkeiten in der Regel zugunsten der einheim. Papiermühlen die Lumpenausfuhr verboten. Bestand Seuchengefahr, so unterlagen die Hadern einer Quarantäne. Zur Papierherstellung wurden die Lumpen von Lumpenreisserinnen in kleine Stücke zerrissen, die daraufhin einige Wochen in einem Keller faulen gelassen, dann gewaschen und in einem wasserradgetriebenen Stampfwerk zu einem Faserbrei verarbeitet wurden. Dieser Brei wurde in der Schöpfbütte stark verdünnt. Mit einem aus Draht geflochtenen Sieb schöpfte der Büttgeselle einen Bogen P. nach dem anderen, im Takt mit dem Gautscher, der das geschöpfte P. auf Filze presste. Ein rund 180 Bogen umfassender Stapel P. auf Filzen wurde unter die Presse gezogen und gepresst. Anschliessend trennte der Leger die Papierbogen von den Filzen, wonach sie in den Hängebühnen an der Luft getrocknet wurden. Um die Bögen beschreibfähig zu machen, tauchte sie der Papiermacher in eine Hautleim-Lösung, presste sie und trocknete sie erneut. Glätten, evtl. Beschneiden, Sortieren und Verpacken beschlossen den Herstellungsvorgang. Das Deckblatt eines Papierpakets von 500 Blatt (Ries) wurde in der Papiermühle mit kunstvoll geschnittenen Holzstempeln bedruckt, welche die Herkunft und die Qualität des P. belegten. Die Tagesproduktion einer Bütte betrug je nach Format und Sorte 2'000-4'500 Bogen. Der Betrieb einer Papiermühle war, entsprechend dem grossen Aufwand für die Erstellung und den Unterhalt der Einrichtungen, für den Kauf von Lumpen und Leim sowie für die Lohnzahlungen, sehr kapitalintensiv. Der Preis für das im 14. Jh. u.a. durch Apotheker vertriebene P. blieb für den Verbraucher relativ hoch, gleichwohl wurden nur wenige Papiermacher reich.

Die meisten Papiermühlengründungen in der Schweiz erfolgten zwischen 1550 und 1700. Diese wurden einerseits durch die Obrigkeit gefördert, die sich eigenes P. als Grundlage von Administration und Handel sichern wollte, andererseits durch Buchdrucker (Buchdruck) und später durch unternehmungsfreudige Papiermacher und Kaufleute mit merkantilist. Interesse. Dabei spielte die Konkurrenz der Papiermacher untereinander, aber auch diejenige der Städte und Kantone eine grosse Rolle. Streitpunkte waren v.a. der Markenschutz (Nachahmung des Wasserzeichens), das Lumpensammeln und die Klagen von Bezügern und staatl. Stellen über mangelhafte Qualität. Die Reaktionen der Papiermacher zeigen, dass Schwierigkeiten versch. Art, von der Hadernbeschaffung und den techn. Einrichtungen bis zur Qualifizierung der Arbeitskräfte, zu überwinden waren.

Mit der Einführung des Glättehammers in der 2. Hälfte des 16. Jh. und des nach seinem Herkunftsland benannten "Holländer"-Lumpenmahlwerks Ende des 17. Jh. begann die Mechanisierung der Papiermacherei. Zu Beginn des 19. Jh. wurde die 1798 von Nicolas-Louis Robert in Frankreich erfundene und von Bryan Donkin in England zur Praxisreife entwickelte Papiermaschine in der Schweiz eingeführt. Die erste Papiermaschine stand in La Sarraz. Die Textilmaschinenfabrik Escher, Wyss & Cie. in Zürich übernahm die Donkin-Vertretung und stellte bald auch selbst Papiermaschinen her. 1830-1900 wurden über 50 Betriebe der P.- und Pappe-Industrie neu gegründet. Nur kapitalkräftige Personen aus dem traditionellen Handwerk oder -- in der Mehrheit -- neu gebildete Aktiengesellschaften konnten das notwendige Kapital aufbringen. Auch die nach der Erfindung des Holzschliffs (1843) und des Zellstoffs (1854) dem chron. Lumpenmangel abhelfende Holzstoffbereitung (Holzwirtschaft) wurde von einigen Betrieben aufgenommen. Die Entwicklung der im 19. Jh. entstandenen schweiz. Papierindustrie verlief parallel zur allg. wirtschaftl. Entwicklung. Die letzten Betriebe alter Art, die sich oft zu Kartonfabriken gewandelt hatten, wurden geschlossen oder gingen in modernen Industriebetrieben auf. Aber auch erfolgreiche Fabriken wurden zuweilen Opfer der sich abzeichnenden Konzentration. Exportprobleme und die Vorarbeiten zum Erlass des eidg. Fabrikgesetzes (1877) führten, allerdings erst 1899, zur Gründung des "Vereins Schweizer Papier- und Papierstoff-Fabrikanten".

Während der beiden Weltkriege war auch die Papierindustrie der staatl. Bewirtschaftung von Energie und Rohstoffen unterworfen. Vor und nach den Weltkriegen nahm die Schweizer Papierindustrie bedeutende techn. Neuerungen auf, die einen grossen Investitionsbedarf und damit eine teilweise neue Finanzierungsbasis sowie Umstrukturierungen erforderten. Dies führte zur Konzentration in Gruppen (Biber, Papierfabrik an der Sihl, Cham-Tenero, Tela), die ihre vergrösserten Anlagen vermehrt durch Export auslasten mussten, und anschliessend zu Übernahmen durch ausländ. Konzerne. Daneben behaupteten sich wenige selbständige, spezialisierte Betriebe, vorwiegend der Karton- und Verpackungsbranche. Die Papierproduktion (ohne Karton und Zellstoff) stieg kontinuierlich von 14'500 t (1880), 123'000 t (1940), 630'000 t (1980) auf 1'215'000 t (1990) und sank dann leicht auf 1'131'000 t (2000) und 1'211'000 t (2007). Gleichzeitig vergrösserte sich die Abhängigkeit von der Zellstoffeinfuhr. Von grosser Bedeutung ist die Fasergewinnung aus Abfallholz sowie die im 2. Weltkrieg begonnene Wiederverwertung von Altpapier (Anteil Recyclingfasern 2000 65%, 2005 56%), die in der Schweiz einen internat. Höchststand erreicht hat (Recycling von P. und Karton in Haushalt und Gewerbe: 1985 445'000 t, 1995 925'600 t, 2000 1'145'500 t, 2005 1'241'750 t). Schliesslich wendet sich die Papierindustrie heute vermehrt der Papierverarbeitung und dem Papierhandel zu. Bei einer Gesamtproduktion von 1'780'000 t im Jahre 2000 verbrauchte die Schweiz pro Kopf 246 kg P. und Karton. Der Verbrauch ist jedoch rückläufig (2007 225 kg). 2007 betrug die Zahl der Mitarbeitenden in der schweiz. Zellstoff-, Papier- und Kartonindustrie rund 3'900, davon 500 Frauen.


Archive
– Basler Papiermühle (Schweiz. Museum für P., Schrift und Druck, Basel), Slg.
Literatur
Les papeteries de Serrières, 1934
– W. Lanz, Die schweiz. Papierindustrie in Vergangenheit und Gegenwart, 1949
– W.F. Tschudin, The Ancient Paper-Mills of Basle and their Marks, 1958
– J. Lindt, The Paper-Mills of Berne and their Watermarks, 1964
– H. Kälin, P. in Basel bis 1500, 1974
– P.F. Tschudin, Schweizer Papiergesch., 1991
– P.F. Tschudin, Grundzüge der Papiergesch., 2002

Autorin/Autor: Peter Tschudin