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Zwingli, Huldrych

geboren 1.1.1484 Wildhaus,gestorben 11.10.1531 Kappel am Albis, von Wildhaus. Sohn des Ulrich, Bauern und Ammanns, und der Margaretha Bruggmann. ∞ 1522 Anna Reinhart, 2.4.1524 öffentl. Kirchgang. Z. kam 1489 in die Obhut seines Onkels Bartholomäus, Dekans in Weesen, und besuchte dort die Schule. Ab 1494 durchlief er die Lateinschulen in Basel und Bern. 1498 immatrikulierte er sich an der Univ. Wien, 1502 an der Univ. Basel, an der er 1504 den Grad eines Bakkalaureus und 1506 denjenigen eines Magister Artium erwarb. Kurz nach der Aufnahme eines Theologiestudiums im selben Jahr wurde Z. von Bf. Hugo von Landenberg im Münster von Konstanz zum Priester geweiht und nach Glarus berufen. Dort widmete er sich nebst seinen pastoralen Aufgaben autodidakt. Studien und knüpfte Kontakte zu Vertretern des eidg. Humanismus wie Joachim Vadian und Glarean, in deren Kreis er sich rasch einen Namen machte. Im Frühjahr 1516 kam es in Basel zu einer persönl. Begegnung mit Erasmus von Rotterdam, der Z. tief beeindruckte. Mindestens zweimal, 1513 nach Novara und 1515 nach Marignano, begleitete er die Glarner Truppen als Feldprediger nach Italien. Wohl wegen des Übergewichts der Franzosenpartei in Glarus trat der damals noch papsttreue Z., der 1515-20 auch eine päpstl. Pension erhielt, 1516 die Stelle als Leutpriester im Kloster Einsiedeln an. Hier predigte er gegen die Exzesse des Ablasshandels und kritisierte die Reisläuferei. Prägend für seine weitere Entwicklung wurde seine Lektüre der paulin. Briefe auf Griechisch sowie des Johannesevangeliums im Licht von Augustins Traktaten.

1518 wurde Z. als Leutpriester nach Zürich berufen und predigte ab 1519 am Grossmünster. Im Gegensatz zur übl. Praxis legte er seinen Predigten nicht die gängige Perikopenordnung zugrunde, sondern betrieb eine fortlaufende Auslegung ganzer bibl. Bücher. Eine Pesterkrankung im Herbst 1519 verarbeitete er in seinem sog. "Pestlied". In den folgenden Jahren reifte Z. vom humanistisch beeinflussten Reformer zum Reformator, dessen Predigten grossen Anklang fanden und den Grundstein zu einer Umgestaltung der Verhältnisse in Zürich legten. Von grosser Bedeutung war Z.s radikale, von eigenen Erfahrungen auf dem Schlachtfeld geprägte Ablehnung des Solddienstwesens ("Ein göttl. Vermanung an die ersamen, wysen, eerenvesten, eltisten Eydgnossen zuo Schwytz" 1522). Als 1522 angesehene Bürger mit Verweis auf Z. demonstrativ die kirchl. Fastengebote übertraten, kam es zum Konflikt mit dem für Zürich zuständigen Bischof von Konstanz. Z. rechtfertigte den Fastenbruch in seiner ersten eindeutig reformator. Schrift "Vom Erkiesen und Fryheit der Spysen" (1522), in der er das reformator. Schriftprinzip dem geltenden Traditionsprinzip gegenüberstellte. Noch im selben Jahr forderte er vom Konstanzer Bf. die Aufhebung des Priesterzölibats und die Einführung der schriftgemässen Predigt ("Supplicatio ad Hugonem episcopum Constantiensem") und bestritt im August schliesslich in der Schrift "Apologeticus Archeteles" dessen Zuständigkeit grundsätzlich. In Zürich selbst war Z.s Tätigkeit und Predigt nicht unangefochten, was den Rat zur Einberufung eines Religionsgesprächs veranlasste. Zur Vorbereitung dieser sog. 1. Zürcher Disputation im Jan. 1523 verfasste Z. eine Zusammenfassung seiner Lehre in 67 Artikeln oder Schlussreden, die er im selben Jahr zur Schrift "Usslegen und Gründ der Schlussreden oder Articklen" umarbeitete. Die Disputation brachte die offizielle Anerkennung von Z.s Lehre durch den Rat und die Verpflichtung der Pfarrer zur schriftgemässen Predigt. Eine 2. Disputation im Oktober über die Bilderfrage und die Messe legte den Grundstein zur Umgestaltung der Kirche und des Gemeinwesens in reformator. Sinn: Abschaffung der Messe, Entfernung der Bilder, Aufhebung der Klöster, Neuorganisation der Armenfürsorge (Almosenordnung von 1525) und Errichtung eines von der bischöfl. Jurisdiktion unabhängigen Ehegerichts. Zudem wurde ein exeget. Seminar als Ausbildungsstätte einer ref. Pfarrerschaft etabliert, aus dem später die Zürcher Hohe Schule hervorging. Eine Frucht dieses Seminars war die unter Z.s Führung erarbeitete sog. "Zürcher Bibel". Aus Rücksicht auf die "Schwachen im Glauben" (bzw. Stimmungen im Volk) wurden diese Massnahmen behutsam durchgeführt, wogegen sich radikaler gesinnte Anhänger Z.s, u.a. Konrad Grebel, Felix Manz und Jörg Blaurock, aussprachen. Diese wandten sich schliesslich dem Täufertum zu und wurden in der Folge von Z. und dem Rat heftig bekämpft (u.a. "In catabaptistarum strophas elenchus" 1527).

Unter Z.s zahlreichen Schriften 1523-25 kommt der Schrift "Von götlicher und menschl. Grechtigkeit" (1523) sowie dem systemat. Hauptwerk "De vera et falsa religione commentarius" (1525) besondere Bedeutung zu. In Ersterer bestimmte er das Verhältnis zwischen der kirchl. und polit. Sphäre neu. Deshalb verstand sich die zwingl. Reformation nicht nur als Reformation der Kirche, sondern des gesamten Gemeinwesens unter Einschluss der Kirche. Die Jahre ab 1525 wurden u.a. beherrscht von Z.s Kampf gegen das Pensionen- und Solddienstwesen (1526 Prozess gegen Jakob Grebel), von den Bestrebungen, der Reformation in der Eidgenossenschaft zum Durchbruch zu verhelfen (1528 Disputation in Bern) und dem Versuch, der Reformation zwingl. Prägung auf internat. Ebene Anerkennung zu verschaffen (1530 "Fidei ratio" an Ks. Karl V., 1531 "Fidei expositio" an Kg. Franz I.). Aktiv beteiligte sich Z. an den Bemühungen, die Reformation in der Eidgenossenschaft durch die systemat. Errichtung von Bündnissen abzusichern (Christl. Burgrecht). Seine weiterreichenden Pläne, eine grenzübergreifende antihabsburg. Allianz zu schmieden, scheiterten grösstenteils. Folgenschwere Konsequenzen zeitigte der Streit mit Martin Luther über das Abendmahl (u.a. "Amica exegesis" 1527, "Über D. Martin Luters Buch, Bekentnuss genannt" 1528), insbesondere über die Art der Präsenz Christi, der auch auf dem Marburger Religionsgespräch 1529 nicht beigelegt werden konnte. Das Religionsgespräch wurde so zu einem Meilenstein der getrennten konfessionellen Entwicklung innerhalb des Protestantismus. Die von Z. mitgetragene aggressive Politik Zürichs gegen die reformationsfeindl. Teile der Eidgenossenschaft - Ziel war die Erlaubnis der freien evang. Predigt - führte zum 2. Kappelerkrieg von 1531, in dem Z. den Tod auf dem Schlachtfeld fand. Sein gewaltsamer Tod bedeutete einen Rückschlag für die von ihm geprägte Reformationsrichtung. Sein Erbe wurde aber unter seinem Nachfolger Heinrich Bullinger trotz einiger Modifikationen bewahrt.

Z.s theol. Wirkung vollzog sich weitgehend innerhalb des Zwinglianismus. Das Urteil über seine Person war im Zeitalter des Konfessionalismus von Stereotypen geprägt. Während das negative Verdikt über Z. sich im schweiz. Katholizismus noch über die Kulturkampfzeit hinaus erhielt, setzte sich das von Z.s Biografen Oswald Myconius geprägte heroische Zwinglibild v.a. in Zürich und den ref. Deutschschweizer Kantonen durch. In dieser Traditionslinie liegt auch die nationalpatriot. Aneignung Z.s im 19. Jh., wie sie sich im Zürcher Z.-Standbild von 1885 sowie später in der Ausstellung von Z.s Helm und Schwert im Schweiz. Landesmuseum manifestierten. Bedeutsamer sind die mit dem Jubiläumsjahr 1884 einsetzenden wissenschaftl. Bemühungen, die sich etwa in der Gründung des Zwinglivereins 1897 mit der im gleichen Jahr gegr. Zeitschrift "Zwingliana" und der 1905 begonnenen krit. Werkausgabe, aber auch in Quellensammlungen niederschlugen, dank denen die hist. Erforschung der Reformation vertieft wurde.


Werke
Huldreich Z.s sämtl. Werke, 1905-
Archive
– StAZH, ZBZ
Literatur
– K. Guggisberg, Das Zwinglibild des Protestantismus im Wandel der Zeiten, 1934
– F. Büsser, Das kath. Zwinglibild, 1968
– M. Haas, Huldrych Z. und seine Zeit, 1969 (31982)
– G.W. Locher, Die Zwingl. Reformation im Rahmen der europ. Kirchengesch., 1979
– U. Gäbler, Huldrych Z., 1983 (32004)
– W.P. Stephens, The Theology of Huldrych Z., 1986
– W.E. Meyer, Huldrych Z.s Eschatologie, 1987
– B. Hamm, Z.s Reformation der Freiheit, 1988
– J.-V. Pollet, Huldrych Z. et le zwinglianisme, 1988
– M. Sallmann, Zwischen Gott und Mensch, 1999
– D. Bolliger, Infiniti contemplatio, 2003
TRE 36, 793-809
– S. Ronchi, Huldrych Z.: il riformatore di Zurigo, 2008
– H. Schneider, «Z.s Anfänge als Priester», in Schweizer Kirchengesch. - neu reflektiert, hg. von U. Gäbler et al., 2011, 37-62

Autorin/Autor: Christian Moser