23/08/2010 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Realschule

Der Begriff R. bezeichnet eine Schule, in der die Vermittlung von realen Bildungsinhalten stärker gewichtet wird als jene alter Fremdsprachen. Er stammt aus der Aufklärungspädagogik des 18. Jh., deren Vertreter in den Lateinschulen (Gymnasium) neben der klass.-humanist. eine moderne oder wissenschaftl. Richtung mit lebenden Sprachen (Muttersprache und eine Fremdsprache), Arithmetik, Geometrie, Zeichnen, Naturwissenschaften, neuerer Geografie und Geschichte einführen wollten.

Im Zuge der Differenzierung des an die Primarschule anschliessenden Unterrichts entstanden in der Schweiz neben den Sekundarschulen erste R.n. Die erste Unterrichtsstätte dieser Art war die 1774 eröffnete Kunstschule in Zürich. Auch das Reformprojekt von Horace Bénédict de Saussure aus demselben Jahr sah neben den humanist. Fächern eine Aufwertung von Physik und Naturwissenschaften, der bildenden Künste und der modernen Sprachen vor. In der 1. Hälfte des 19. Jh. setzte sich die Differenzierung zwischen den Schultypen unter dem Einfluss der wissenschaftl. und industriellen Entwicklung sowie der Verlängerung der obligator. Schulzeit fast überall durch. Mit der Einführung einheitl. Anforderungen an die Maturität durch die Kantone erhielt die R. 1877 ihren mehr oder weniger festen Platz im Schulsystem. Das Konzept der R. umfasste - unter diesem oder einem anderem Namen - die Sekundarstufe (ohne die klass. Fächer) oder Teile davon und bereitete die Schüler auf eine meist techn. Ausbildung vor, in der die humanist. Fächer nicht von Bedeutung waren.

Laut der zu Vergleichszwecken auf eidg. Ebene eingeführten schul. Einteilung entsprach die R. Ende des 20. Jh. dem Schultyp mit Grundansprüchen auf der Sekundarstufe I. Schon in den 1980er Jahren wurden aber Reformen eingeleitet, um die strenge Trennung der Schultypen aufzuweichen. In der Westschweiz wird die R. je nach Kanton section pratique, moderne, générale oder préprofessionnelle genannt. In den meisten Kantonen dauert sie drei Jahre und beginnt nach dem 6. Primarschuljahr. Nach dem Abschluss der R. ergreifen die Schüler eine sog. einfache Berufslehre (Berufsbildung) im techn., handwerkl. oder kaufmänn. Bereich. Um 1995 besuchten etwa 30% der Schüler eine R., 2007 waren es 27%, welche die Sekundarstufe I mit Grundansprüchen absolvierten.


Literatur
Lex. der Pädagogik, hg. von H. Kleinert et al., 3 Bde., 1950-52
– E. Egger, L'enseignement en Suisse, 1984
– R. Sauthier, L'enseignement secondaire en Suisse, 1995

Autorin/Autor: Marco Marcacci / ANS