Staatsbürgerlicher Unterricht

Die Anfänge des S.s in der Schweiz gehen auf die Neugestaltung des öffentl. Schulwesens in der Regeneration nach 1830 zurück. Die Demokrat. Bewegung führte nach 1860 zur Erweiterung der Volksrechte in den Kantonen und im Bund. In der Folge wurde in den Schulen mehr Gewicht auf den S. gelegt, nicht zuletzt auch im Zusammenhang mit der Einführung der pädagog. Rekrutenprüfungen nach 1870.

Die innenpolit. Krise während des 1. Weltkriegs vermittelte neue Impulse. Während der S. zuvor meist als selbstständiges Fach bestanden hatte, wurde er nun vermehrt mit anderen Fächern verbunden und als Nationalerziehung verstanden. Der S. wurde in der Regel auf der Oberstufe der Volksschule sowie auf der Sekundarstufe II erteilt. Zur Zeit der Geistigen Landesverteidigung stand in der staatsbürgerl. Bildung eine Erziehung im Vordergrund, die für demokrat. Werte und gegen die Diktatur stand. Nach dem 2. Weltkrieg integrierten die meisten Kantone die polit. Bildung in den Geschichtsunterricht. Bezüglich der Stellung im Fächerkanon war die polit. Bildung Ende des 20. Jh. immer noch in der Mehrheit der Kantone mit dem Fach Geschichte verbunden, wurde in ein übergeordnetes Integrationsfach eingegliedert (Kt. Zürich, Bern, Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen, Basel-Landschaft) oder als Einzelfach geführt (Kt. Neuenburg, Waadt, Tessin). Die klass. Institutionslehre trat zugunsten einer Berücksichtigung der Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse zurück. Ausserdem wurden vermehrt Themen wie Aussenpolitik, Nord-Süd-Beziehungen, multikulturelle Erziehung, Antirassismus, Umwelt und nachhaltige Entwicklung betont (Erziehung zur Staatsbürgerschaft). Seit etwa 2000 wird auch die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler an Entscheidungen in der Schule als Teil des S.s verstanden.


Literatur
– H. Moser, Zur Gesch. der polit. Bildung in der Schweiz, 1978
– J. Quakernack, Polit. Bildung in der Schweiz, 1991
– D.V. Moser-Léchot, «Polit. Bildung», in Zwischen Pathos und Ernüchterung, hg. von R. Reichenbach, F. Oser, 2000, 237-251
– R. Gollob et al., Politik und Demokratie - leben und lernen, 2007

Autorin/Autor: Daniel V. Moser-Léchot