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Religionsunterricht

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Der R. an den Schulen verstand sich - als konfessionell-kirchl. Unterricht - während Jahrhunderten als Vermittler des Christentums, seiner wesentlichen Traditionen und wichtiger Formen christl. Lebens, als Ergänzung familialer religiöser Erziehung durch geplante Erfahrungs- und Lernprozesse. Bemerkenswerte gesellschaftl. Veränderungen in der 2. Hälfte des 20. Jh. (Globalisierung, Multikulturalität und religiöser Pluralismus) führten auch in der Schweiz neben oder sogar anstelle konfessioneller und interkonfessioneller Formen zu einem R. als Religionskunde im Rahmen von Sammelfächern wie z.B. im Kt. Bern, wo Ethik und Religion als Teil des Fachs Natur-Mensch-Mitwelt fungieren. Die Gefahr eines so verstandenen R.s ist es, nur noch über Religion und Religionen zu orientieren, während die Frage nach der Wahrheit, die für jede Religion wesentlich ist, ausgespart bleibt.

Vorläufer des R.s als Schulfach öffentl. und privater Schulen, die sich als Ort der Vermittlung des christl. Glaubens einer bestimmten Konfession verstanden, finden sich in den Stifts- und Klosterschulen des HochMA. In St. Gallen, Einsiedeln, Muri (AG), Zürich (Gross- und Fraumünster), Luzern und Solothurn legten die Geistlichen Wert auf die Tradierung des Glaubens, die Einführung in das Verständnis der Bibel und die Ausbildung zur Mitwirkung im Gottesdienst der zum Priesterberuf bestimmten Schüler, andererseits auf das antike Bildungsgut und dessen Bedeutung für das Christentum. Auch in den städt. Latein- und volkssprachigen Schulen des SpätMA (z.B. in Basel, Genf, Freiburg, Thun) wurde der Glaube durch Auswendiglernen eingeprägt, ausserdem sollten die Zöglinge zur gottesdienstl. Mitwirkung befähigt werden. Noch in der Reformation führte der Verlust kultureller Tradierung des Glaubens innerhalb einer einzigen Kirche zur systemat. Unterweisung der Schüler mithilfe eines neuen Mediums, des Katechismus. Wichtige Lehrbücher waren jene von Leo Jud in Zürich, Kaspar Megander und Abraham Musculus in Bern sowie Johannes Calvin in Genf. Gegen Ende des 16. Jh. war im Gebiet der ref. Schweiz der auch ins Französische übersetzte Heidelberger Katechismus weit verbreitet. In den kath. Landesteilen hatten die Geistlichen ab 1576 in der Christenlehre den "Kleinen Katechismus" des Petrus Canisius zu lehren. Im Übrigen standen in allen Schulen, die einer Kirche angeschlossen waren, bis ins 18. Jh. kirchl. Inhalte im Zentrum. Erst mit der Einführung der allg. Schulpflicht (Primarschule) im ausgehenden 18. Jh. wurde der R. zu einem Schulfach neben anderen. Unter Betonung konfessioneller Abgrenzung fügte er sich in einen Fächerkanon ein, der die Religion -- ungeachtet ihrer weiterhin zentralen Bedeutung -- in den Dienst der jeweiligen Obrigkeit stellte, obwohl die Schulaufsicht den Pfarrern oblag.

Die polit. Ereignisse von 1798 stellten einen Bruch dar. Die Helvet. Republik übernahm Schule und Kulturförderung in eigener Regie und verkündete die unbeschränkte Kultusfreiheit. Der Aufklärung verpflichtet, setzte sich die Schule zum Ziel, ohne Betonung der Religion alle Kräfte im Menschen zu entwickeln. Der R. diente nicht mehr direkt dem Schulzweck, sondern galt als Sache der Konfessionen. Auch nach der Reintegration in den Schulunterricht um 1830 blieb er in vielen Kantonen als religiös-sittl. Erziehung zwischen Schule und Kirche bestehen. Letztere eröffnete für jüngere Kinder Sonntagsschulen. In der 2. Hälfte des 19. Jh. war der R. v.a. in den kath. Kantonen, welche die Möglichkeit eines überkonfessionellen Unterrichts bestritten, streng konfessionell organisiert. Die weitere Entwicklung war durch die Auseinandersetzungen zwischen konfessionellem und überkonfessionell-christl. R. geprägt. Überall trat neben das Auswendiglernen die Besprechung von religiösen Themen mit Rücksicht auf das Auffassungsvermögen der Schüler.

Im 20. Jh. bildeten sich vier Typen von R. heraus, die bis heute das Bild bestimmen: ein konfessioneller R. ausserhalb des Lehrplans, aber z.T. in den Räumen der Schule (z.B. in Genf), ein konfessioneller R. im Rahmen des schul. Lehrkanons, aber in kirchl. Verantwortung (z.B. in Graubünden, Basel-Landschaft und den kath. Kantonen), ein konfessioneller R. in gemeinsamer Verantwortung von Kirche und Schule (z.B. im Wallis, in St. Gallen) und ein überkonfessioneller christl. R. unter Einschluss von konfessionell-kooperativen Versuchen. Alle Typen sind aus verfassungsrechtl. Gründen (Art. 15 Abs. 4 BV) nicht obligatorisch. Abgesehen davon gibt es seit dem Ende des 20. Jh. in zahlreichen Gem. R. unterschiedlichen Zuschnitts. Zu Beginn des 21. Jh. wurde in der Westschweiz (ausser in Genf und Neuenburg) das Lehrmittel der Gesellschaft Enseignement biblique et interreligieux romand (Enbiro) eingeführt. Die kath. Kirche und auch einige ref. Kantonalkirchen haben über den Sakramentenunterricht und den traditionellen Konfirmandenunterricht (Konfirmation und Firmung) hinaus eigene Angebote religiöser Bildung und Erziehung ab dem 1. Schuljahr entwickelt, um eine kirchl. Sozialisation zu gewährleisten.


Literatur
Katechet. Wb., hg. von L. Lentner et al., 1961, 691-699
– R. Pfister, Kirchengesch. der Schweiz 1, 1964, 170-173, 389-398, 442 f.; 2, 1974, 533-542
– U.W. Meyer, Der ref. R. in der deutschspr. Primarschule des Kt. Bern seit 1831, 1973
– W.K. Bräm, R. als Rechtsproblem im Rahmen der Ordnung von Kirche und Staat, 1978
Dizionario di catechetica, hg. von J. Gevaert, 1986
– S. Leimgruber, Ethikunterricht an den kath. Gymnasien und Lehrerseminarien der Schweiz, 1989
– K. Wegenast, «Schul. R. in der Postmoderne -- ein Anachronismus?», in Schweizer Schule 9, 1990, 8-17
– K. Wegenast, «R.», in Evang. Kirchenlex. 3, 1992, 1599-1606
– P. Wegenast, «Ökumen. R. in der Schweiz», in Der evang. Erzieher 48, 1996, 179-191
Gesch. der Erziehung und Schule in der Schweiz im 19. und 20. Jh., hg. von H. Badertscher, H.-U. Grunder, 1997, 17-35
– K.E. Nipkow, Bildung in einer pluralen Welt 2, 1998
Cahiers de l'Institut romand de pastorale 36, 2000
R. an der öffentl. Schule, hg. von H. Kohler-Spiegel, A. Loretan, 2000
Baustelle Religion, hg. von M. Baumann et al., 2004
Hist. und rechtl. Aspekte des Religionsunterrichts, hg. von A. Rinnerthaler, 2004

Autorin/Autor: Klaus Wegenast