Ausländer

Als A. werden im Zeitalter der Nationalstaaten Personen bezeichnet, die nicht die Staatsangehörigkeit desjenigen Staates besitzen, in dem sie sich aufhalten. Diese Definition hat im 19. Jh. den älteren Begriff Fremde weitgehend abgelöst, dessen Inhalte eng an das jeweils vorherrschende Verständnis von Identität und Gruppenzugehörigkeit gekoppelt waren und im Lauf der Zeit sehr unterschiedl. ausgelegt wurden.

Stärke der Ausländerkolonien in der Schweiz
 188019101920193019411950196019701980199020002010
Ausländische Bevölkerung (in absoluten Zahlen)211 035552 011402 385355 522223 554285 446584 7391 080 076944 9741 245 4321 495 5491 766 277
Wichtigste Herkunftsländer: 
Deutschland45,1%39,7%37,2%37,8%35,0%a19,4%16,0%10,9%9,3%6,9%7,5%14,9%
Österreich6,0%6,8%5,3%5,6% 7,7%6,5%4,1%3,4%2,4%2,0%2,1%
Frankreich25,4%11,5%14,2%10,4%10,9%9,6%5,4%5,1%5,0%4,2%4,2%5,4%
Italien19,7%36,7%33,4%35,7%42,9%49,1%59,2%54,0%44,3%30,8%21,5%16,3%
Grossbritannien      1,4%1,4%1,6%1,4%1,5%2,1%
Spanien      2,3%11,2%11,4%10,0%5,7%3,6%
Portugal      0,1%0,3%2,0%8,9%9,5%12,0%
Türkei      0,1%1,1%4,1%6,6%5,6%4,1%
(Ex-)Jugoslawien      0,2%2,3%6,4%13,9%24,2%17,8%
Anteil der ausländischen an der gesamten Wohnbevölkerung7,5%14,7%10,4%8,7%5,2%6,1%10,8%17,2%14,8%18,1%20,5%22,4%

a inkl. der Staatsbürger aus dem angeschlossenen Österreich

Quellen:StJ

1 - Die rechtliche Stellung von der Helvetik bis zum Schweizerischen Zivilgesetzbuch (1798-1912)

Vor 1798 unterstanden Fremde in der Eidgenossenschaft grundsätzl. der Hoheit der eidg. Orte bzw. ihrer Zugewandten. Mit der Umsetzung der Gleichheitsgedanken der Franz. Revolution im Einheitsstaat der Helvet. Republik kam erstmals der Begriff Schweizerbürger (Bürgerrecht) auf, und Grundrechte (Menschenrechte) wie Freiheiten bestanden losgelöst von der Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Körperschaft. Das Gesetz vom 29.9.1798 stellte die (männl.) A. bis auf die Politischen Rechte den (männl.) Schweizerbürgern gleich. Gegen Vorlage eines Heimatscheins und eines Leumundszeugnisses gewährte das Direktorium der Helvet. Republik A.n eine Duldungsbewilligung (Toleranzschein). Die Juden von Lengnau und Endingen wurden A.n gleichgestellt. Die Beibehaltung der Bürgergem. neben der Einwohnergem. führte v.a. bezüglich der Fürsorge zu Rechtsungleichheiten zwischen Gemeindebürgern und Nicht-Gemeindebürgern (Schweizern und A.n), die bis ins 20. Jh. weiter bestanden. Mit dem Gesetz vom 24.11.1800 fiel die Befugnis zur Ausstellung von Aufenthalts- und Niederlassungsbewilligungen, gegen Entrichtung einer Gebühr und mitunter Hinterlegung einer Kaution, an die kant. Verwaltungskammern zurück.

Die Mediationsakte von 1803 übertrug die Gesetzgebungskompetenz in Ausländerfragen den Kantonen. Mit Frankreich galt allerdings die Defensivallianz vom 27.9.1803, welche die gegenseitige Niederlassungsfreiheit und Ausübung der bürgerl. Rechte vorschrieb. Der Bundesvertrag von 1815 übertrug den Kantonen alle ausländerspezif. Angelegenheiten. Gleiches taten die Bundesverfassung (BV) von 1848 und deren Revision von 1874, mit Ausnahme von Art. 70 BV, der dem Bund das Recht einräumte, Fremde wegzuweisen, welche die innere oder äussere Sicherheit der Schweiz gefährden (Landesverweisung). Vor 1848 galten in den Kantonen auch Personen aus andern Kantonen als Fremde.

Erst mit dem Inkrafttreten des Schweiz. Zivilgesetzbuchs (ZGB) 1912 wurde die Rechtsstellung der A. landesweit einheitl. geregelt, nämlich als vollständige und bedingungslose zivilrechtl. Gleichstellung mit Schweizern. In den meisten kant. Gesetzen blieb die rechtl. Stellung der A. vor 1912 unbehandelt, während andere sich auf eine Reziprozitätsklausel beschränkten. Bilaterale Verträge (z.B. zwischen Sardinien und 12 Kt. am 12.5.1827, zwischen Frankreich und 18 Kt. am 30.5.1827) gewährleisteten den Angehörigen der Vertragsstaaten Niederlassungs- sowie Handels- und Gewerbefreiheit. Nach 1848 schloss auch der Bund mit mehreren Staaten Freizügigkeitsabkommen (Einwanderung).

Aufenthalt und Niederlassung in der Schweiz waren an die Vorlage von Identitätsnachweis und Leumundszeugnis gebunden. Letzteres war für Personen aus angrenzenden Ländern (mit Ausnahme Deutschlands bis 1911) nicht nötig. Den Kantonen stand es frei, Personen, die die Voraussetzungen nicht erfüllten, abzulehnen oder aufzunehmen -- Deserteure oder polit. Flüchtlinge etwa, die natürl. kaum die notwendigen Dokumente beschaffen konnten. Für die öffentl. Fürsorge waren Bürgergem. und Kanton zuständig, was A. von der Sozialhilfe ausschloss. Mittellosigkeit stellte einen Ausweisungsgrund dar, sofern der Heimatstaat nicht für ausreichende Unterstützung aufkam.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

2 - Der Ausländerbestand vor 1914

Seit Beginn des 19. Jh. war der Ausländeranteil an der schweiz. Gesamtbevölkerung höher als in andern europ. Ländern. Dies erklärt sich u.a. durch die vielen Grenzregionen, die zentrale Lage und die geringe Grösse unseres Landes. Überdies war es trotz der 1803 und 1815 eingeführten Beschränkungen für A. nach 1798 einfacher als zuvor, sich zu bewegen oder niederzulassen. 1836-39 verzeichneten die Kt. Basel-Stadt und Genf - beides Zentren von Räumen, die grossenteils im Ausland liegen - mit 21,5% bzw. 20,2% (bei gesamtschweiz. 2,5%) A.n landesweit die höchsten Anteile.

Nach 1848 liessen der wirtschaftl. Aufschwung, die wachsenden Bedürfnisse von Industrie, Hoch- und Tiefbau, der Eisenbahnbau, die grössere Mobilität und erleichterte Niederlassung den Ausländeranteil in der Schweiz stark ansteigen (1850 3%, 1870 5,7%, 1900 11,6%, 1910 14,7%). Abgesehen von Luxemburg kannte kein anderes europ. Land derartige Anteile, wobei nicht vergessen werden darf, dass in der Schweiz geborene Kinder von A.n gemäss dem Abstammungsprinzip (ius sanguinis) die Staatsangehörigkeit ihrer Eltern behielten. Einbürgerungen waren kostspielig und mit Schwierigkeiten verbunden, ihr Nutzen nicht immer offensichtlich. So wurde in der Schweiz der Ausländerstatus - anders als in Ländern wie z.B. Frankreich, wo das Gebietsprinzip (ius soli) gilt - von Generation zu Generation weitergegeben. 1910 war ein Drittel der A. in der Schweiz geboren, davon mehr als die Hälfte unter 15 Jahren.

Die ausländ. Wohnbevölkerung zeichnete sich durch einen hohen Beschäftigungsgrad (insbes. im 2. Sektor), einen grossen Anteil an Lohnabhängigen und an Personen im erwerbsfähigen Alter aus. Diese Sozialstruktur erklärt die Konzentrationen in Industrie- und Grenzregionen: 1910 lebten fast 80% aller A. in nur neun Kantonen. Ihr Bevölkerungsanteil betrug 40,4% in Genf, 37,6% in Basel-Stadt, 28,2% im Tessin, 19% im Thurgau und 17,6% in St. Gallen. Städte mit hohem Ausländeranteil waren Lugano mit 50,5%, Arbon mit 46,1%, Genf mit 42%, Rorschach mit 41,5%, Basel mit 37,8%, Schaffhausen mit 33,9% und Zürich mit 33,8%.

Der zahlenmässige Anteil der polit. Flüchtlinge war, mit Ausnahme von 1849, kaum signifikant. Umso mehr spielten sie bis 1914 im Bildungswesen ab der Sekundarstufe eine herausragende Rolle. 1833 und 1834 etwa beriefen die neu gegr. Univ. Zürich und Bern fast ausschliesslich dt. Professoren. In Freiburg waren kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs ledigl. 22 der 76 Professoren Schweizer.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

3 - Ausländer aus Nachbarstaaten vor 1914

Bis 1914 stammten 95% der A. aus den Nachbarstaaten der Schweiz, wobei sich die Zusammensetzung nach Herkunftsland im Lauf der Zeit stark änderte.

3.1 - Deutschland

Angehörige der versch. dt. Staaten und Länder waren bis 1914 anteilmässig am stärksten vertreten, obschon ihre Zahl gegen Ende des 19. Jh. eine rückläufige Tendenz aufwies. Prozentual waren es 1830 ca. 35%, 1888 48,9% und 1910 39,7%, absolut 1830 20'000 Personen und 1848 40'000. Handwerker auf Wanderschaft durch Europa machten über 50% aus. In manchen Städten bildeten sie die Mehrheit unter den Schneidern, Schustern und Zimmerleuten. Ab 1830 gründeten sie Arbeiterbildungsvereine (Deutsche Arbeitervereine), in denen Wilhelm Weitling und die Republikaner des Jungen Deutschland ihre Anhängerschaft fanden. Rund 20% der dt. Einwanderer führten Industrie- und Handelsbetriebe oder übten freie bzw. akadem. Berufe aus. Die Sozialistengesetze des Reichskanzlers Otto von Bismarck (1878-90) trieben viele militante Linke in die Schweiz. Die Arbeiterorganisationen der dt. Sozialisten in der Schweiz waren für die schweiz. Arbeiterbewegung, den SGB und die SPS, deren linken Flügel sie nach 1913 im Wesentl. bildeten, von grosser Bedeutung.

Die nationalen und demokrat. Tendenzen, die nach 1849 noch vorherrschten, schlugen nach der Gründung des Dt. Reichs 1871 in einen ausschliessl. germ. Nationalismus um, der von versch. Vereinigungen getragen wurde. Dies wiederum rief Widerstand hervor, einerseits gegen Deutsche (Tonhallekrawall in Zürich 1871), andererseits gegen Schweizer, die am Bild Deutschlands vor der nationalen Einigung festhielten (Gottfried Keller, Ferdinand Vetter).

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

3.2 - Frankreich

Die Franzosen, die sich zu 90% in der franz. Schweiz niedergelassen hatten (56% allein im Kt. Genf), bildeten eine stabile, gut integrierte Gruppe, die langsam wuchs und deren soziale Zusammensetzung in etwa jener der Schweizer Bevölkerung entsprach. Ihre republikan. Gesinnung und die in der Westschweiz vorherrschende Frankophilie erleichterten das gute Zusammenleben, und ihre Organisationen, die Sociétés de secours mutuels et d'entraide und Musikkapellen, integrierten sich gut in das lokale Vereinsleben. Um 1900 bildeten franz. Sozialisten in Genf einen Cercle d'études sociales, der die Propaganda für die angrenzenden franz. Dep. organisierte und sogar die Führung der Fédération socialiste de l'Ain et des deux Savoies übernahm. Auch das rechte Lager organisierte sich; ab 1911 hielten franz.-schweiz. Gruppen der Action française Zusammenkünfte in Genf und Lausanne ab.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

3.3 - Italien

Ging der Anteil der Franzosen (wie derjenige der Deutschen) 1888-1910 von 23,4% auf 11,5% zurück, so stieg jener der Italiener im gleichen Zeitraum sprunghaft von 18,2% auf 36,7% an. Diese Zahlen fallen sogar noch zu tief aus, da bei den Volkszählungen im Dez. die Saisonniers nicht erfasst wurden, deren Zahl je nach Konjunkturlage zwischen 50'000 und 90'000 schwankte. So kämen zu den 202'809 Ende 1910 ansässigen Italienern noch rund 75'000 Saisonniers hinzu, die bis zum Herbst in der Schweiz beschäftigt waren.

Schätzungen zufolge stammten drei Viertel aller damals in der Schweiz lebenden Italiener aus dem Norden, knapp ein Viertel aus Mittelitalien und nur 1% aus dem Süden. 1910 lebten mehr als 20% allein im Tessin. Die meisten waren ohne berufl. Ausbildung und arbeiteten als Strassen- oder Hilfsarbeiter; Jüngere absolvierten eine Maurerlehre. Mehr als 80% der in der letzten Phase des Eisenbahnbaus eingesetzten Arbeitskräfte kamen aus Italien. Hier, wie auch auf den Baustellen der ersten Wasserkraftwerke, waren über Monate, manchmal Jahre regelrechte Italienerkolonien beschäftigt und notdürftig in Barackenlagern untergebracht. Der Aufschwung im Städtebau führte ital. Maurer, Hilfs- und Strassenarbeiter auch in kleinere Schweizer Ortschaften. Sie wohnten in der Regel in bestimmten Strassenzügen und zogen Landsleute (Gastwirte, Ladenbesitzer usw.) nach, wodurch mit der Zeit sog. Italienerviertel entstanden.

Nach 1900 nahm die Zahl der ital. Fabrikarbeitskräfte, insbes. in der Textilindustrie, stark zu. Dabei handelte es sich v.a. um Frauen, die über Italienervereine rekrutiert wurden. Als Folge gründeten religiöse Orden in unmittelbarer Nähe der Fabriken Mädchenheime, in denen eine klösterl. anmutende Zucht herrschte, die von den Sozialisten angeprangert wurde.

Das tiefe Durchschnittsalter, der hohe Männeranteil (insbes. vor 1900) und ein geringer Integrationsgrad sind kennzeichnend für die damalige ital. Bevölkerung in der Schweiz. Von allen A.n heirateten Italienerinnen und Italiener am seltensten Einheimische. Das Verhältnis zu den Schweizern war schwierig. Häufig kam es auf Baustellen oder in Quartieren zu teils gewaltsamen Auseinandersetzungen (Käfigturmkrawall in Bern 1893, Italienerkrawall in Zürich 1896). Mit den Jahren liessen sich aber immer mehr ital. Staatsangehörige dauerhaft in der Schweiz nieder.

In die Schweiz geflüchtete ital. Sozialisten versuchten nach 1893 ihre Landsleute gewerkschaftl. zu organisieren. Gemeinsam mit den Tessiner Sozialisten hatten sie 1897 die Unione socialista di lingua italiana in Svizzera gegr., 1900 folgte ein Ableger des Partito Socialista Italiano. Zudem existierten eine Vielzahl kultureller und gesellschaftl. Vereinigungen, auch Zusammenschlüsse von Italienern derselben Provinz. Einige waren in der sozialist. Bewegung aktiv, andere standen den offiziellen Vertretern Italiens näher: Dazu gehörten Hilfsvereine, Musikkapellen, die kulturelle Vereinigung Dante Alighieri, Handelskammern, die Opera Bonomelli (eine 1900 gegr. christl. Opera di assistenza agli emigranti italiani) oder die 1902 gegr. sozialist. Umanitaria. Italien richtete 1901 das Auswanderungsamt Commissariato Generale dell'Emigrazione (CGE) ein, dessen erster Vertreter in der ital. Botschaft in Bern Giuseppe De Michelis war. Anliegen sowohl der "offiziellen" Vereinigungen als auch etwa der Opera Bonomelli war es, das Nationalgefühl zu stärken. Die Fremdenfeindlichkeit, der sich die ital. Einwanderer ausgesetzt sahen, erklärt mit, weshalb vor 1914 nationalist. Gedankengut in der ital. Kolonie besonders viel Anklang fand.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

4 - Studenten und Touristen

In geringerer Zahl kamen auch Menschen aus nichtwirtschaftl. Gründen ins Land. Ausländ. Studenten zog es an die Schweizer Univ. Dies waren jedoch nicht die Kinder von A.n in der Schweiz, da es denen meist an den finanziellen Mitteln für den Besuch einer Hochschule fehlte. Die Stud. kamen direkt aus ihren Heimatstaaten, in die sie nach dem Studienabschluss zurückkehrten. Ihr Anteil an den Studierenden aller Schweizer Univ. betrug 1890-95 37%, 1895-1900 43,9%, 1900-05 50,5%, 1905-10 57,8% und 1910-15 49,2% (3'500 Personen). Die medizin. Fakultäten waren besonders gefragt, insbes. bei jüd. Russen und v.a. Russinnen (1905-10 betrug dort der Ausländeranteil 68%). An der Univ. Freiburg waren 1895-1915 A. stärker vertreten als Schweizer.

Auch der Tourismus führte A. in die Schweiz. Zwar handelte es sich hierbei um eine begüterte Minderheit, aber die frühen Aufenthalte und Reisen dauerten mitunter recht lang. In der Fremdenverkehrsstatistik sind die Einreisen ausgewiesen: 1894 2'280'000, 1905 3'560'000, 1913 3'983'000, nach dem kriegsbedingten Einbruch 1920 2'832'000 (Vergleichszahlen 2010 8'628'000 ausländ. von insgesamt 16'203'000 Touristen). Zur Beherbergung wurden sowohl Luxushotels wie auch bescheidene Familienpensionen gebaut. Sanatorien und Höhenkliniken zogen ebenfalls Gäste aus ganz Europa an.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

5 - Der 1. Weltkrieg als Zäsur

Der 1. Weltkrieg setzte der Bewegungs- und Niederlassungsfreiheit ein abruptes Ende. Einreise und Aufenthalt wurden fortan streng kontrolliert und aus wirtschaftl. wie polit. Überlegungen eingeschränkt. Aufgrund ihrer Übervertretung in den Altersklassen zwischen 15 und 40 Jahren waren die A. in der Schweiz von der Mobilmachung besonders stark betroffen. Auch die ungewisse Lage und die Wirtschaftskrise im Sommer 1914 veranlassten viele, in ihre Heimatstaaten zurückzukehren. Zwischen 1910 (552'011) und 1920 (402'385) fiel der Ausländeranteil um 27%. 1919-39 entwickelte sich die schweiz. Wirtschaft nur zögerl., und ausländ. Arbeitskräfte wurden nicht mehr in grosser Zahl gebraucht. Die Wirtschaftskrise 1920-22 und die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre erhöhten die Arbeitslosigkeit massiv. Die Schweiz verlor ihre Attraktivität; aufgrund neuer gesetzl. Vorschriften beschränkten die Kantone die Niederlassung ausländ. Arbeitskräfte. Der Anteil der ansässigen A. an der Gesamtbevölkerung der Schweiz fiel denn auch von 14,7% (1910) über 10,4% (1920) und 8,7% (1930 355'522) auf 5,2% (1941 223'554). Um 1930 lebten zwei Drittel der A. bereits seit über 20 Jahren in der Schweiz, von diesen stammten 90% aus Nachbarstaaten.

Paradoxerweise wurden Ängste vor einer Invasion oder Überfremdung durch A., Ausdruck eines zuvor nur latenten engstirnigen Nationalismus, gerade in dem Zeitpunkt zu einem Thema, als der Ausländeranteil in der Bevölkerung zurückging. Die Spaltung der Schweiz in ein deutschland- und ein frankreichfreundl. Lager während des 1. Weltkriegs sowie wachsende soziale Spannungen, die 1918 im Landesstreik gipfelten, führten zur Suche nach Sündenböcken. Der klass. Komplotttheorie zufolge waren die Ereignisse von 1918 das Werk bolschewist. Agenten, und die sozialist. Bewegung wurde ihrer internat. Ausrichtung und multinationalen Anhängerschaft wegen geächtet.

Ab 1917 regelte der Bundesrat die Einreise und Kontrolle, den Aufenthalt und die Niederlassung von A.n auf dem Verordnungsweg. Im Justiz- und Polizeidep. wurde die Zentralstelle für Fremdenpolizei (heute Bundesamt für Ausländerfragen) eingerichtet. Neue Verordnungen stärkten die Befugnisse der Fremdenpolizei und stellten 1921 erstmals eine Verbindung zwischen Niederlassungs- und Arbeitsbewilligung her. Mit der Annahme von Art. 69ter BV wurde dem Bund 1925 "die Gesetzgebung über Ein- und Ausreise, Aufenthalt und Niederlassung der A." übertragen. Das Bundesgesetz von 1931 berücksichtigte religiöse und wirtschaftl. Interessen und den Grad der "Überfremdung" des Landes. Die Verwendung dieses Begriffs führte zur Einteilung der A. in Kategorien, wovon einige als nicht assimilierungsfähig eingestuft und ausgesondert wurden, z.B. Personen aus dem Balkan oder osteurop. Juden. Mitentscheidend für eine Verweigerung oder zeitl. Begrenzung von Bewilligungen war der Arbeitsmarkt.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

6 - Die Zeit des Faschismus und Nationalsozialismus

In den Zwischenkriegsjahren war die Einwanderung aus Italien und Deutschland vom Faschismus und Nationalsozialismus geprägt. 1918 öffnete die Schweiz ihre Grenzen für diejenigen A., die bereits vor 1914 im Land gelebt hatten. Viele Italiener kamen zurück, die sich sowohl in sozialist. Organisationen als auch in den ersten fasci zusammenfanden. Nach 1922 kontrollierte die Regierung Benito Mussolinis alle ital. Kolonien und prakt. das gesamte Vereinswesen. In Lausanne schlossen sich in den 1930er Jahren etwa 20 Vereinigungen zu einem Kolonienrat unter dem Vorsitz des ital. Konsuls zusammen. Der antifaschist. Opposition gelang es immerhin, einige Verbände dem Einfluss der faschist. Machthaber zu entziehen und Colonie libere italiane zu gründen, die sich 1943 zusammenschlossen.

Unter den dt. Einwanderern bildeten sich ab 1919 einzelne rechtsextreme Kerne. Erste Ortsgruppen der NSDAP wurden 1930-31 gegründet. Ab 1933 nahmen sie öffentl. Charakter an, und ihre Anhängerschaft wuchs erheblich: In Basel z.B. stieg die Mitgliederzahl bis 1941 von anfängl. 120 auf 4'000. Die Nationalsozialisten organisierten mehrere Grosskundgebungen. Zu einem Erntedankfest im Okt. 1942 fanden sich über 12'000 Personen in Oerlikon ein. Der Protest der Zürcher Regierung beim Bund bewog den Bundesrat, Demonstrationen von mehr als 1'000 Personen nicht mehr zu bewilligen. 1945 wurden die Naziorganisationen aufgelöst und verboten. Die meisten Antifaschisten hatten in der Schweiz Flüchtlingsstatus und waren als solche jeder öffentl. polit. Handlungsmöglichkeit beraubt (Bundesbeschluss vom 7.4.1933).

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

7 - Vom 2. Weltkrieg zum Wirtschaftsaufschwung der 1950er Jahre

Der 2. Weltkrieg setzte auch den letzten, bereits schwachen Einwanderungsbewegungen ein Ende. Während des Kriegs kamen Internierte (Internierungen) und Flüchtlinge in die Schweiz. Die meisten kehrten in ihre Heimat zurück, sobald die Lage es zuliess. Für die andern wurden nach Absprache mit internat. Organisationen Ausreisen nach Argentinien, Australien und Palästina organisiert. Der Bund hielt an der Konzeption von 1933 fest, wonach sich die Schweiz als Transitland verstand. Der Begriff des dauernden Asyls setzte sich erst 1947 durch, so dass ledigl. Flüchtlingen der letzten Kriegsjahre die Niederlassung in der Schweiz bewilligt wurde.

Die Nachkriegskonjunktur hielt in der Schweizer Wirtschaft (von wenigen Flauten abgesehen) bis 1974 an. Der Industriesektor griff in grossem Mass auf ausländ. Arbeitskräfte zurück, um sowohl den Lohnanstieg zu bremsen wie auch zu expandieren. Später folgte der Dienstleistungssektor dem Beispiel. Der Ausländeranteil (ohne internat. Funktionäre, Grenzgänger und Saisonniers) stieg von 6,1% (1950 285'446) über 10,8% (1960 584'739) auf 17,2% (1970 1'080'076). Der Anteil an ital. Staatsangehörigen wuchs bis Ende der 1960er Jahre weiter (1970 54% ohne Saisonniers), wogegen die Quote der Angehörigen anderer Nachbarstaaten abnahm. Stammten 1930 10,3% der niedergelassenen A. aus nicht angrenzenden Ländern, so nahm deren Anteil nach Kriegsende stetig zu und erreichte 1970 25,7%. Geografisch vergrösserte sich das Einzugsgebiet von Nord- über Mittel- nach Süditalien, erreichte um 1960 Spanien und bald darauf Portugal, dehnte sich bis nach Griechenland und Jugoslawien und danach auf eine ständig wachsende Zahl von Ländern aus. Bis 1948 erfolgten die Anstellungen auf privater Ebene. Staatl. Abkommen mit Italien (1948, 1964) und Spanien (1961) steckten in Bezug auf Sozialversicherungen und Pensionskassen den rechtl. Rahmen ab.

Wie in der Zwischenkriegszeit versuchten die schweiz. Behörden in enger Zusammenarbeit mit der kant. organisierten Fremdenpolizei und dem Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit, die Migration an die Bedürfnisse der Wirtschaft anzupassen, unter Berücksichtigung sowohl des Arbeitsmarkts wie auch des "Überfremdungsgrads". Bis Ende der 50er Jahre bestimmte die Angst vor einer erneuten Weltwirtschaftskrise das Verhalten. Man betrachtete die ausländ. Arbeitskräfte als Konjunkturpuffer, eine Grösse, die bei verlangsamtem Wirtschaftswachstum rasch nach unten angepasst werden konnte (was denn auch 1948-49, 1958 und nach 1974 getan wurde). Die Einführung eines Rotationssystems erschien als geeignete Massnahme. Der Aufenthalt von Fremdarbeitern sollte zeitl. begrenzt und nicht automat. erneuerbar sein. Demzufolge wurden die A. je nach Art der Bewilligung in Kategorien eingeteilt:

1) Grenzgänger, die in der Schweiz erwerbstätig sind und jeden Abend wieder ausreisen (Ausweis F). Mit zunehmender Motorisierung und steigender Wohnungsnot wuchs die Zahl der Grenzgänger in den dafür günstig gelegenen Gebieten (1983-2000 ca. 100'000-150'000 Personen, mit einer Spitze von ca. 180'000 1990). Mit dem Inkrafttreten der bilateralen Abkommen zu Beginn des 21. Jh. stieg die Zahl der Grenzgänger stetig an (250'000 2011).

2) Eine geringe, seit 1978 allerdings steigende Anzahl Personen, die eine kurzfristige, nicht erneuerbare Arbeitsbewilligung besitzen (sechs oder zwölf Monate, z.B. für Aupairmädchen).

3) Saisonniers (Ausweis A), deren (wiederholter) Aufenthalt, ohne Familiennachzug, auf max. neun Monate pro Jahr beschränkt ist. 1987 schwankte ihre Zahl zwischen 14'000 im Dez. und 114'000 im Sommer. Nach 1990 ging ihr Bestand um die Hälfte zurück. Mit den bilateralen Abkommen I von 1999 (2002 in Kraft) wurde dieser Status abgeschafft.

4) Inhaber einer Jahresaufenthaltsbewilligung (Ausweis B), die erneuerbar ist und nach einer Frist, die nach Ursprungsland variiert, evtl. umgewandelt werden kann in

5) Eine unbefristete Niederlassungsbewilligung (Ausweis C), mit der die A. arbeitsrechtlich schweiz. Staatsangehörigen gleichgestellt sind.

6) Internat. Funktionäre, die insbes. in Genf stark vertreten sind (1950 2'500, 2010 ca. 22'000 bei einem gesamtschweiz. Total von 28'000), und Angehörige diplomat. Vertretungen, die keiner Bewilligungspflicht unterstehen.

Um die gewünschten Migrationsbewegungen zu erreichen, wurde die Erteilung von C-Ausweisen beschränkt. Gleichzeitig versuchte man, die Inhaber von B-Ausweisen daran zu hindern, sich dauerhaft in der Schweiz niederzulassen. Deshalb wurde der Familiennachzug erst nach Jahren und nur unter bestimmten Bedingungen erlaubt. Zudem zielte eine Reihe häufig abgeänderter Vorschriften darauf ab, die geografische, berufliche und gesellschaftl. Bewegungsfreiheit der A. einzuschränken: Es war nicht erlaubt, ohne Bewilligung den Arbeitgeber, den Beruf oder den Kanton zu wechseln oder selbstständig zu werden. Für A. in führenden Positionen oder für bestimmte Fachkräfte galten diese Fristen indes nicht. Vermögende Personen ohne Erwerbstätigkeit erhielten (und erhalten) relativ leicht eine Aufenthalts-, später eine Niederlassungsbewilligung. Berühmtheiten aus Sport und Kultur, wie z.B. Charlie Chaplin, schätzten die Ruhe und die Steuervergünstigungen, die die Schweiz bot.

Auslegung und Anwendung des komplexen Regelwerks gaben den Behörden und der Polizei erhebl. Machtbefugnisse. Ab 1970 mehrten sich zwar die Rekursmöglichkeiten; sie blieben aber für isolierte, sprachunkundige A. ohne jur. Kenntnisse nach wie vor schwer greifbar. Das Ziel, den Arbeiterfluss in Gang zu halten, wurde erreicht. Zu Beginn der 1960er Jahre lebte die grosse Mehrheit der Fremdarbeiter seit weniger als vier Jahren in der Schweiz.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

8 - Die Wende in den 1960er Jahren

Die schweiz. Ausländerpolitik erreichte zwar ihre Zielsetzungen, führte aber in eine Sackgasse. Andere Länder konkurrenzierten die Schweiz, die als Zielland ital. Gastarbeiter an Attraktivität eingebüsst hatte, insbes. nachdem die EWG 1964 die Freizügigkeit für Arbeitnehmer der Mitgliedstaaten vereinbart hatte. Schweizer Unternehmer mussten auf fernere Länder zurückgreifen, und Behörden wie Wirtschaftsspitzen wurde bewusst, dass der Bedarf an ausländ. Arbeitskräften nicht ein vorübergehendes, sondern ein strukturelles Phänomen war. Deshalb rückte man vom Rotationsprinzip ab und wandte sich schrittweise einer auf Integration und Assimilation ausgerichteten Politik zu, welche eine dauerhafte Niederlassung der A. in der Schweiz fördern und eine erleichterte Einbürgerung ermöglichen sollte. Inhabern von B-Ausweisen wurde der Familiennachzug erleichtert. So wuchs der Ausländeranteil an der Wohnbevölkerung rascher als jener an Berufstätigen. Entsprechend stieg der Bedarf an Wohnungen, Plätzen in Schulen, Spitälern und Transportmitteln. Zuvor vernachlässigte Arbeiten an der öffentl. Infrastruktur mussten nachgeholt werden (1950-70 wuchs die Bevölkerung der Schweiz von 4'714'992 auf 6'269'783 Einw.), Arbeiten, die ohne zusätzl. ausländ. Arbeitskräfte gar nicht bewältigt werden konnten.

Die Möglichkeit, nach Bedarf auf ausländ. Arbeitskräfte zurückgreifen zu können, hatte die Unternehmen an ein extensives Wachstum gewöhnt und liess sie die Anlageinvestitionen vernachlässigen, was langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigte. Die Behörden versuchten die Zahl ausländ. Arbeitskräfte zu stabilisieren bzw. zu reduzieren, indem sie zuerst den Unternehmen Höchstzahlen vorschrieben, dann einen vollst. Stopp erliessen, schliessl. die zulässige Zahl leicht tiefer ansetzten. 1970 wurden für neue A- und B-Ausweise in allen Kantonen Kontingente festgesetzt, womit die Ausländerzahl gesamtschweiz. begrenzt wurde. Gleichzeitig wurden die Einschränkungen der Freizügigkeit gelockert. Diese Massnahmen zeigten zwar die gewünschte Wirkung (Rationalisierung und Modernisierung der Unternehmen), der ausländ. Bevölkerungsanteil (1970 17,2%) aber wuchs, bedingt v.a. durch den Familiennachzug, bis zur Krise von 1974 weiter. Die Zusammensetzung hatte sich indes geändert. 1969-74 verdoppelte sich die Zahl der bewilligten C-Ausweise, Ausdruck davon, dass der Anteil an bereits seit Jahren niedergelassenen A.n im Vergleich zu den Neuankömmlingen stark zunahm. Gleichzeitig erweiterte sich der Kreis der Herkunftsländer immer mehr. Stammten 1970 74% der A. aus Nachbarstaaten, so waren es 2010 noch 38,7%; knapp 19% kamen (bei einer schlecht abzuschätzenden Dunkelziffer) aus nichteurop. Ländern.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

9 - Die Ausländer als Gewinn für die Schweiz

Die 1974 ausbrechende Krise zeigte, dass sich die A. als Konjunkturpuffer bestens eigneten. Indem abgelaufene A-, B- und F-Ausweise nicht erneuert und heimgekehrte A. nicht ersetzt wurden, reduzierte sich die Anzahl Fremdarbeiter in vier Jahren um 300'000. So gelang es der Schweiz, ihre Arbeitslosigkeit zu exportieren, zumindest in den Rezessionsjahren 1975-76 und 1982-83. Auch die Krise der 1990er Jahre traf die A. überdurchschnittl. stark, ihre Arbeitslosenquote war doppelt so hoch wie bei Schweizern, was sich u.a. durch die hohe Zahl von A.n in wenig qualifizierten Stellen erklärt. 1959 arbeiteten mehr als zwei Drittel der erwerbstätigen A. in: Baugewerbe sowie Stein- und Erdindustrie (24,5%), Hotel- und Gastgewerbe (16,6%), Metall- und Maschinenindustrie (13,8%), Haus- (8,6%, hauptsächl. Frauen) und Landwirtschaft (8,1%). 1995 arbeiteten neun Zehntel in: Energiewirtschaft, Gewerbe und Industrie (28,7%), Baugewerbe (11,3%), Handel und Gastgewerbe (24%), Banken, Versicherungs-, Beratungsges. (11,7%) und andern Dienstleistungsbranchen (18,1%). Gemessen an der gesamtschweiz. Erwerbsbevölkerung hatten A. 1995 über 20% der Stellen im Gesundheitswesen inne, über 30% im Baugewerbe, über 40% im Hotel- und Gastgewerbe und über 50% in der Leder-, Schuh-, Texil- und Bekleidungsindustrie.

1950-73 hatte sich das Bruttosozialprodukt (BSP) pro Einw. fast verdoppelt, v.a. dank dem Rückgriff auf ausländ. Arbeitskräfte. Aufgrund ihrer Sozialstruktur (jüngere, arbeitsfähige Altersgruppen, medizin. Aussonderung bei der Einstellung bzw. an der Grenze) verursachten die A. der Gemeinschaft wenig Kosten. Die Ausbildung ging zu Lasten des Herkunftslandes. Einwanderer, die meist so viel Geld wie mögl. in ihre Heimat schickten, machten viel seltener Gebrauch von der öffentl. Infrastruktur. Mit den Familiennachzügen ab 1960-64 änderte sich die Lage, dennoch blieben die Sozialkosten pro Kopf bei A.n geringer als bei Schweizern.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

10 - Soziale Folgen - Fremdenfeindlichkeit

Wenn auch manche A. in hoch qualifizierten Stellen eine wesentl. Rolle gespielt haben (1951 stammten in der Privatwirtschaft 40% der in Forschung und Entwicklung Beschäftigten aus dem Ausland), so hatte doch ein Grossteil der A. unattraktive, bei Schweizern verpönte Stellen inne. Ein Teil der Schweizer Erwerbsbevölkerung verlagerte sich vom 2. in den 3. Sektor. Innerhalb der Arbeiterschaft konnten sich die Schweizer in Posten halten, die mehr Lohn und Ansehen bedeuteten und Kader- oder Ausbildungsfunktionen umfassten. Der soziale Aufstieg vollzog sich allerdings nicht einheitl. und gleichmässig. Jenen, die nicht daran teilhaben konnten, erschienen die A. v.a. als einströmende Zerstörer überkommener Arbeits- und Gesellschaftsverhältnisse. Hinzu kamen die unvermeidl. alltägl. Reibereien zwischen Gruppen aus versch. Kulturkreisen mit unterschiedl. Verhaltensweisen, zusätzl. verstärkt dadurch, dass in den Hochkonjunkturjahren 1950-65 das Rotationsprinzip eine Integration der A. erschwert hatte.

Die Wohnungsnot und das Verbot des Familiennachzugs führten dazu, dass insbes. 1950-70 sehr viele Saisonniers und Jahresaufenthalter in Baracken oder auf engstem Raum in alten Liegenschaften hausten. Das Schicksal von illegal eingereisten Fam., deren Kinder nicht eingeschult werden konnten, war besonders hart. Der Wechsel zur Integrationspolitik hat neue Probleme aufgeworfen. Insbes. die in der Schweiz geborenen oder im Kindesalter hergekommenen A. bewegen sich zwischen zwei Kulturen. Bei den ältesten eingewanderten Gruppen hat sich die Lage entspannt, die Akzeptanz vergrössert. Doch die jüngsten Migrationswellen haben erneut die gleichen Probleme hervorgebracht.

Auch das Misstrauen gegenüber dem Ausland, dem die offizielle Schweiz lange Infiltrationsversuche und negative Beeinflussung unterstellt hatte, prägte die Geisteshaltung der Schweizer grundlegend, zumal die ideelle Gegenbewegung, der sozialist. Internationalismus von vor 1914, nach dem Ende des 2. Weltkriegs prakt. verschwunden war. Die Unzufriedenheit der Massen fokussierte sich auf die A. Anders als 1893 und 1896 entlud sich die Spannung - abgesehen von einigen unrühml. und mitunter trag. Vorkommnissen - jedoch nicht in Form von Krawallen. Der Missmut nahm den institutionellen Weg über die Politik. An den kommunalen, kant. und eidg. Wahlen tauchten Listen gegen die "Überfremdung" auf; rechte Gruppierungen ausserhalb der traditionellen Parteien machten das Thema zum Zugpferd (Nationale Aktion, Schweizer Demokraten (SD), Ausverkauf der Heimat). Dann wurde es v.a. von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) aufgegriffen. 1965-88 wurden sechs Volksinitiativen lanciert, die darauf abzielten, die Zahl der A. zu plafonieren. Alle wurden verworfen. Das zweite Volksbegehren dieser Reihe, die umstrittene Schwarzenbach-Initiative (1970), entfachte eine leidenschaftl. Diskussion mit ungewohnt heftigen Ausbrüchen von Fremdenhass.

Seit den ausgehenden 1960er Jahren hat die Zahl der polit., religiösen oder humanitären Organisationen und Institutionen zugenommen, die sich für die Sache der A. einsetzen. Vermehrt wurden auch Gegeninitiativen wie die 1981 abgelehnte Mitenand-Initiative lanciert.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

11 - Ausländerorganisationen

A. haben eine Vielzahl an landesweiten, auf Freizeit, Kultur, allg. interessierende Themen oder auch auf Politik ausgerichteten Vereinigungen gegründet. Die Verbände der ital. Emigranten sind die ältesten. Die 1943 gegr. Federazione delle colonie libere italiane übernahm ihre Interessenvertretung gegenüber ital. wie schweiz. Behörden, führte Verhandlungen mit Gewerkschaften beider Länder und ermunterte ihre Mitglieder, dem SGB beizutreten. 1971 gründeten span. Arbeiter eine vergleichbare Vereinigung, die Asociacion de Trabajadores Emigrantes Españoles en Suiza, die ebenfalls mit dem SGB zusammenarbeitet.

Während des 2. Weltkriegs übernahm der 1900 gegr. Partito Socialista Italiano in Svizzera unter Ignazio Silone die Leitung der (geheimen) Auslandzentrale des Partito Socialista Italiano, die als Kontakt- und Propagandastelle fungierte. 1942 wurde sie von der Schweizer Polizei ausgehoben. Die ital. Kommunisten in der Schweiz, die sich 1948 vereinsmässig organisiert hatten, arbeiteten bis in die 1970er Jahre im Untergrund. 1966 erklärten die Schweizer Behörden, dass es A.n verboten sei, in irgendeiner Form auf die polit. Willensbildung ganz allg. einzuwirken, auch nicht unter Landsleuten. Aktivitäten gegen die bestehende demokrat. Ordnung wurden verboten. Diese Massnahme zielte gleichermassen auf Kommunisten, Anarchisten und Rechtsextremisten ab. Gemäss einem Bundesbeschluss von 1948, der Bestimmungen aus der Vorkriegszeit aufgriff, bedurften A. ohne C-Ausweis, die sich öffentl. zu einem polit. Thema äussern wollten, einer Bewilligung. Ab den 1970er Jahren ging man zu einer toleranteren Praxis über, und der Bundesbeschluss wurde 1988 aufgehoben. Seit 1980 befinden sich z.B. unter den Tamilen in der Schweiz Separatisten der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), die für ihren Freiheitskampf Geld sammeln. Auch die Anhänger der Arbeiterpartei Kurdistans, Partiya Karkeren Kurdistan (PKK), haben einige spektakuläre Kundgebungen organisiert, um die Öffentlichkeit für ihre Anliegen zu sensibilisieren.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

12 - Die Lage im ausgehenden 20. Jahrhundert

Nach 1974 war die Zahl der A. in der Schweiz gesunken, um seit 1980 vorerst leicht, seit Ende der 1980er Jahre stärker anzusteigen. Ihr Anteil an der Wohnbevölkerung stieg von 14,8% (1980) bis 1990 auf 18,1%, bis 2000 auf 20,5% und bis 2010 auf 22,4%. Das Bevölkerungswachstum in der Schweiz geht prakt. ausschliessl. auf die A. zurück (75% Migrationszuwachs, 25% Geburtenüberschuss). 2000 waren 22,6% aller A. in der Schweiz hier geboren (über ein Drittel Italiener, 30% Spanier), 73,8% lebten seit über fünf Jahren in der Schweiz. Rund 9% der Schweizer über 15 Jahren sind eingebürgerte A. Die Zusammensetzung der A. nach Ländern hat sich mit den Jahren verändert. 1970 stammten 90,6% aus EWG- und EFTA-Ländern. 2000 waren es 55%. Neu hinzu kamen v.a. Personen aus Ex-Jugoslawien (24%) und der Türkei (5,6%).

Herkunft nach Kontinenten (2010)
Kontinentabsolute Zahlenin %
Europa1 504 94385,2%
Afrika71 5274,0%
Amerika74 5114,2%
Asien110 5496,3%
Australien und Ozeanien3 9900,2%
Staatenlose 757<0,1%

Quellen:StJ

Auch wenn die im Mai 2000 vom Schweizer Stimmvolk angenommenen bilateralen Abkommen I den Personenverkehr mit den EU-Staaten vollst. regeln, stellt die Ausländerpolitik nach wie vor ein zentrales Thema der schweiz. Innenpolitik dar. Im Vordergrund stehen dabei Themen wie die Integrations- und Flüchtlingspolitik; die Arbeitsbewilligungen für ausländ. Arbeitskräfte aus dem Nicht-EU-Raum; die Ausländerfeindlichkeit (1994 Annahme des Antirassismusgesetzes, 1996 Ablehnung der Initiative "gegen die illegale Einwanderung", 2010 Annahme der Initiative "für die Ausschaffung krimineller Ausländer"); die staatsbürgerl. Rechte für A. (Ablehnung der erleichterten Einbürgerung für junge A. 1994 und für A. der zweiten und dritten Generation 2004) sowie die Zwangsmassnahmen im Ausländerrecht (1994 angenommen). Zwei zusätzl. Protokollen zu den bilateralen Abkommen I, die in einer Volksabstimmung angenommen worden und 2004 bzw. 2009 in Kraft getreten sind, regeln die Personenfreizügigkeit zwischen der Schweiz und den neuen EU-Staaten. 1998 wurde ein neues Ausländergesetz in die Wege geleitet, das die Einreise und den Aufenthalt der Angehörigen von Nicht-EU- oder der EFTA-Staaten regelt; es wurde 2006 in einer Abstimmung angenommen und trat 2008 in Kraft.

Autorin/Autor: Marc Vuilleumier / AL

Quellen und Literatur

Literatur
– H.-M. Hagmann, Les travailleurs étrangers, chance et tourment de la Suisse, 1966
– R. Schlaepfer, Die Ausländerfrage in der Schweiz vor dem Ersten Weltkrieg, 1969
– A. Rosada, Giacinto Menotti Serrati nell'emigrazione (1899-1911), 1972
– H.J. Hoffmann-Nowotny, Soziologie des Fremdarbeiterproblems, 1973
– K. Urner, Die Deutschen in der Schweiz, 1976
– D. Castelnuovo-Frigessi Elvezia, il tuo governo: Operai italiani emigrati in Svizzera, 1977
– W. Haug, "... und es kamen Menschen": Ausländerpolitik und Fremdarbeit in der Schweiz 1914 bis 1980, 1980
– Gruner, Arbeiterschaft
– M. Vuilleumier, Flüchtlinge und Immigranten in der Schweiz, 1989, (franz. 21987)
Revue syndicale suisse 82, 1990, Nr. 4
L'émigration politique en Europe aux XIXe et XXe siècles, 1991
– T. Straubhaar, Schweiz. Ausländerpolitik im Strukturwandel, 1991
Migration und die Schweiz, hg. von H.-R. Wicker et al., 2003
– G. und S. Arlettaz La Suisse et les étrangers: immigration et formation nationale (1848-1933), 2004
Gli italiani in Svizzera, hg. von E. Halter, 2004
Histoire de la politique de migration, d'asile et d'intégration en Suisse depuis 1948, hg. von H. Mahnig, 2005
– E. Piguet Einwanderungsland Schweiz, 2006 (franz. 2004)