Mündigkeit

M., auch Voll- oder Grossjährigkeit oder Majorennität, bezeichnet im Recht die Stufe des menschl. Alters, mit der bei erlangter Urteilsfähigkeit die volle Handlungsfähigkeit eintritt. Mit M. verbindet sich die Erreichung eines bestimmten Grades körperl. und geistiger Reife, bei der Jugendliche (Jugend) aus der elterl. Gewalt in die Selbstbestimmung der Erwachsenen übertreten und vollberechtigt an deren rechtl., polit., wirtschaftl. und gesellschaftl. Leben teilnehmen. Wann dieser Grad erreicht ist, bestimmt das Gesetz. Die Mündigkeitsgrenze ist daher nicht, sondern hängt wie die Altersgrenze für den Ruhestand (Alter) von der jeweils geltenden Rechts-, Wirtschafts- und Sozialordnung ab. Die Mündigkeitsalter wurden z.T. bis ins 20. Jh. nach Geschlechtern unterschieden.

Das Römische Recht unterschied Unmündige (lat. impuberes) und Mündige (puberes) und setzte den Eintritt der Pubertät mit dem vollendeten 12. Lebensjahr bei Mädchen und dem 14. bei Knaben an; M. brachte volle Handlungsfähigkeit, doch stand dem Mündigen bei Rechtsgeschäften bis zum 25. Altersjahr besonderer Schutz zu. Die germ. Stammesrechte machten das Mündigkeitsalter z.T. von der individuellen Reife zwischen dem 10. und 18. Lebensjahr abhängig; die in der Westschweiz geltenden Burgunderrechte setzten sie auf das 15. Lebensjahr für beide Geschlechter fest. Das Kirchenrecht, das bezüglich der Ehefähigkeit die Pubertätsgrenze des röm.-gemeinen Rechts übernahm, beeinflusste im SpätMA die Altersgrenze ganz allgemein, so bei der den Jungmännern vorbehaltenen Gerichts-, Rats- und Ämterfähigkeit sowie bei der beiden Geschlechtern zustehenden Testier- und Leihefähigkeit. Noch im 16. Jh. stand das Mündigkeitsalter bei 12 bzw. 14, stieg aber unter dem Druck der Ressourcenverknappung an und lag im 17. und 18. Jh. je nach Region bei 15-18 Jahren (Jungmänner), so auch im Bezug auf die Wehrfähigkeit sowie straf- und privatrechtl. Deliktsfähigkeit (Strafrecht). Die Ehemündigkeit blieb tiefer angesetzt (Ehe).

Theoretisch hatte, wer "zu seinen Jahren" gekommen, volljährig und mündig war, Anspruch auf rechtl. Selbstständigkeit. In der Praxis wurde der Jungmann aber erst zum berechtigten Mitglied der dörfl. oder städt. Gemeinschaft, wenn er in eigener Haushaltung lebte (Bürgerrecht). Solange er im Haus seiner Eltern wohnte, unterstand er deren Vormundschaft und Gewalt (Hausrecht). Töchter kamen mit der Heirat von der elterl. direkt unter die eherechtl. Gewalt des Ehemanns. Stadt- und Landrechte regelten die Situation der nicht deliktfähigen Kinder und Minderjährigen (in den Quellen: "unter seinen Jahren", lat. infra annos) unter elterl. Hausgewalt: Sie waren handlungsunfähig und zu Rechtsgeschäften nicht befugt. Rechtsgeschäfte mit ihnen galten daher noch im 16. Jh. für widerruflich, im 18. Jh. für ungültig und nicht einklagbar. Wissen oder Nichtwissen um die Minderjährigkeit beeinflusste die Rechtsfolgen für die Beteiligten. M. konnte indes durch obrigkeitl. oder letztwillige Verfügung oder nach dem Rechtssatz "Heirat macht mündig" vorzeitig einsetzen. Vor Gericht mussten Unmündige einen Rechtsvertreter (Vogt) haben; ein Vogt hatte aber auch die mündige Frau zu vertreten, unabhängig davon, ob diese nun ledig, verheiratet (Ehemann als Vogt) oder verwitwet war.

Jegl. Art der Vormundschaft bedeutete eine Einschränkung der M.: Dazu zählte u.a. die v.a. im 17. und 18. Jh. in allen Sprachregionen übl. Geschlechtsvormundschaft, die unverheirateten Frauen einen behördl. Beistand verordnete. Sie blieb nach 1800 unterschiedlich lange erhalten, in den Kt. Graubünden, St. Gallen, Uri und Wallis fiel sie erst 1881 mit dem Bundesgesetz über die persönl. Handlungsfähigkeit. Bevormundung, Schuldhaft und Konkurs hatten den Verlust der polit. M. zur Folge. Geistesschwache und Psychisch Kranke waren von jeher bevormundet; die Entmündigung ist im Schweiz. Zivilgesetzbuch (Art. 373 f. ZGB) geregelt.

Im 19. Jh. stieg das kantonal festgelegte Mündigkeitsalter generell an, in der Regel auf das vollendete 20. Lebensjahr, aber auch höher, ohne Rücksicht auf die tatsächl. Reife. Noch lebte die väterl. Hausgewalt nach: Erst 1852 erhielten mündige Söhne im Kt. Bern, die im Haus steuerzahlender Eltern lebten, das Stimmrecht ihrer Gemeinde. Das ZGB setzte schliesslich das Alter der M. gesamtschweizerisch und für beide Geschlechter auf das vollendete 20. Lebensjahr fest, in Abweichung zu den Nachbarstaaten, in denen die Volljährigkeit meist mit 21 Jahren erreicht wurde, aber in Übereinstimmung mit dem damals erforderl. Alter für das Aktivbürgerrecht (Stimm- und Wahlrecht) und die Wehrpflicht. Vorzeitige behördl. Mündigerklärung nach vollendetem 18. Lebensjahr war unter bestimmten Umständen möglich. Der Satz, dass Heirat mündig machte, blieb bestehen, wobei die Ehemündigkeit beim Mann bei 20, bei der Frau bei 18 lag, mit elterl. oder vormundschaftl. Erlaubnis aber auf 18 bzw. 17 Jahre gesenkt werden konnte. Ab 1996 trat M. in der Schweiz mit dem vollendeten 18. Lebensjahr ein (Art. 14 ZGB), gleich wie in den meisten Nachbarländern. Ehemündigkeit wurde für Braut und Bräutigam auf mindestens 18 Jahre festgesetzt (Art. 96 ZGB). Nach Steuerrecht werden volljährige Jugendliche ab dem 1. Januar des Kalenderjahrs, nicht ab dem Datum ihres 18. Geburtstags getrennt veranlagt.


Quellen
SSRQ
Literatur
– E. Huber, Schweiz. Civilgesetzbuch: Erläuterungen zum Vorentwurf des Eidg. Justiz- und Polizeidep. 1, 1901, 43-54
– H. Rennefahrt, Grundzüge der bern. Rechtsgesch. 2, 1931, 190-198
LexMA 1, 470 f.
HRG 3, 738-742
Frauen in der Gesch. des Rechts, hg. von U. Gerhard, 1997
– R. Gerber Jenni, Die Emanzipation der mehrjährigen Frauenzimmer, 1997
– H. Biedermann, Junge Menschen an der Schwelle polit. M., 2006

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler