• <b>Grosses Moos</b><br>Karikatur von  Heinrich von Arx,   um 1850 (Burgerbibliothek Bern). Das Fass im Hintergrund ist als "Danaiden Fass" gekennzeichnet, eine Anspielung auf die Legende der fünfzig Töchter des Danaos, die auf ewig dazu verdammt waren, Wasser in ein Fass ohne Boden zu giessen.

Grosses Moos

Das G., das zwischen den Jurarandseen, dem bern.-freiburg. Molasseplateau und dem Jensberg liegt, ist mit 62,5 km2 das grösste Flachmoor der Schweiz. Nach dem Rückzug des Rhonegletschers füllte die Aare das Gebiet allmählich mit Geschiebe; im Wechsel von Abtrocknung, Teilbewaldung und neuer Versumpfung auf Grund von Klimaänderungen bildeten sich die bis zu 4 m mächtigen Torflagen.

1 - Prähistorische Besiedlung, Verkehrswege

Bei sich erwärmendem Klima wurden ab dem Mesolithikum Menschen sesshaft. Die frühen Siedlungen entstanden aber nicht im G., sondern am Neuenburgersee, Bielersee, Murtensee und an der Zihl, denn Seen und Flüsse boten in den bewaldeten Flächen schiffbare Wasserwege und an ihren Ufern erste Siedlungs- und Ackerböden. Die prähistorischen, teils kontinuierlich bewohnten Siedlungen im Inland lagen erhöht am Rand des G.es (z.B. Gampelen, Brüttelen) oder innerhalb desselben auf Dünen ("Insel" Witzwil) und Moränen (Finsterhennen, Siselen). Die vielen Einzelfunde (Silices, Keramik) vom Mesolithikum bis zur Bronze- und Eisenzeit (Hallstatt, Latène) können auf feste Siedlungen oder Kurzstandorte (Treiten) weisen.

Das Moos selbst war siedlungsfeindl. Durchgangsraum: Älteste Transitwege vom Mittelland über den Jura verliefen zwischen Neuenburger- und Bielersee durchs G. und querten die Zihl (Brücken in La Tène, Zihlbrücke, Cornaux-Les Sauges). Steigende Seespiegel und Versumpfung in der Hallstattzeit zwangen zur teilweisen Umsiedlung von den Ufern in höhere Lagen. Zeuge der Hallstattkultur ist u.a. die Nekropole in Ins mit Fürstengrabhügeln. Bedeutende Siedlungen der Latènezeit, u.a. auf Jolimont und Jensberg, wurden in der Römerzeit ausgebaut (Petinesca). Galloröm. villae entstanden an sonnigen, für den Ackerbau geeigneten Lagen am Südhang des Jolimont (Tschugg, Mullen, Erlach), in einem breiten Siedlungsband von Ins, Müntschemier bis Treiten und längs des Molasseplateaus von Galmiz bis Kallnach. Die Ränder ums G. waren somit besiedelt und landwirtschaftlich genutzt (u.a. Roggen-, Rebbau), das relativ trockene Moos mit Gebüsch oder Wald aber warweder bebaut noch besiedelt.

Die Römer verbesserten alte Transitrouten und legten neue von Aventicum durchs G. (Broye-, Zihl-Brücken) in den Jura (Brückenköpfe bei Aegerten; Pierre Pertuis) bzw. nach Solothurn an. Reste der Römerstrasse haben sich v.a. in den Gem. Galmiz, Fräschels, Kerzers, Kallnach, Bargen, Walperswil und Hagneck erhalten.

2 - Allmend der "Moosgemeinden"

In das von eingewanderten Burgundern bewohnte Gebiet drangen im 7. Jh. von Osten her Alemannen ein und liessen sich an den gleichen Moränenhängen nieder, teils dort, wo sich die galloröm. villae befunden hatten. Das G. wurde franz.-dt. Sprachraum, wobei sich die Sprachgrenze sukzessive gegen Westen verschob. Mit dem ma. Siedlungs- und Flurausbau (11.-13. Jh.) wird erstmals eine Nutzung des G.es, das nun Reichsgut war, erkennbar: Geistl. (u.a. St. Johannsen) und weltl. Grundherrn (Fenis auf Hasenburg, Gf. von Neuenburg, Nidau, Aarberg) liessen als Leheninhaber Teile des Mooses durch ihre Leute auf den Gutshöfen heuen, mähen und beweiden. Ab dem 14. und 15. Jh. wurden Dörfer Nutzniesser des Mooses; ab 1500 diente das G. generell als Allmend der anrainenden und entfernteren Dörfer und Landstädte.

Nach Erwerb der Herrschaften Aarberg 1375, Nidau 1388 bzw. 1393 und Erlach 1476 beanspruchte Bern den grössten Teil des G.es für sich (Landesgrenze mit Neuenburg an der Zihl 1655; Verträge mit Freiburg 1575/97, endgültig 1835). Bern und Freiburg machten ihre Oberhoheit über das Moos gegenüber den Dörfern geltend; Nutzungsänderungen waren bewilligungspflichtig (z.B. Heuwiesen, Torfstiche). Deshalb ging es bei den vielen Weidezwisten wie z.B. dem "Mooskrieg", den bern. und freiburg. Gemeinden 1785-95 austrugen, um Nutzungs-, nicht um Besitzrechte am Moos.

<b>Grosses Moos</b><br>Karikatur von  Heinrich von Arx,   um 1850 (Burgerbibliothek Bern).<BR/>Das Fass im Hintergrund ist als "Danaiden Fass" gekennzeichnet, eine Anspielung auf die Legende der fünfzig Töchter des Danaos, die auf ewig dazu verdammt waren, Wasser in ein Fass ohne Boden zu giessen.<BR/><BR/>
Karikatur von Heinrich von Arx, um 1850 (Burgerbibliothek Bern).
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3 - Juragewässerkorrektionen und Urbarisierung

Geschiebeablagerungen der Aare bewirkten seit dem 17. Jh. Rückstauungen, steigende Seespiegel und Versumpfung im Moos; die Schiffskanäle (Aarberger Kanal zwischen Broye und Aare, Entreroches-Kanal zwischen Yverdon und Cossonay) entwässerten nicht. Abhilfe schuf die 1. Juragewässerkorrektion (1868-91), die den Wasserstand um 2,5 m senkte (Gewässerkorrektionen). Die Urbarisierung des G.es und die Regelung der Besitzrechte verlangte jahrzehntelange Meliorationsarbeit von Gem., Privaten und den Domänen Witzwil und Bellechasse. Die erneute Versumpfung durch Absinken der nicht mehr gefluteten, sich natürlich zersetzenden Moorböden erzwang eine 2. Korrektion (1962-73), die wiederum umfangreiche Massnahmen zur Strukturverbesserung und Güterzusammenlegung in den Gem. nach sich zog. Mit diesen Bemühungen war der Grundstein zum einzigartigen Erfolg der "Gemüsebauregion G." gelegt. Seither suchen die Gemüsebauern mit neuen Bearbeitungs- und Anbaumethoden die Torfsackung und -zehrung (Folge von Entwässerung und Nutzung) in Grenzen zu halten. Zudem arbeitet der vom Bundesamt für Umwelt mitfinanzierte Biotopverbund G. seit 1996 an der ökolog. Aufwertung von Restbiotopen.

Im 19. Jh. wurden die alten Überlandstrassen längs (Lyss-Murten) und durch das G. (Aarberg-Siselen-Ins-Zihlbrücke) verbessert und durch neue ergänzt (Staatsstrasse Kerzers-Müntschemier, Seestrasse Galmiz-Sugiez-Ins). Die Eisenbahnlinien (Murten-Lyss 1876, Bern-Neuenburg 1901, Murten-Ins 1903, Biel-Täuffelen-Ins 1916-17) trugen zur raschen wirtschaftl. und demograf. Entwicklung der Region bei. Der Bau des bei Siselen und Finsterhennen projektierten "Kontinentalflughafens G." (1945-72) wurde dagegen wegen des drohenden Kulturlandverlusts - schliesslich lebt rund ein Viertel der Bevölkerung vom Ertrag des Gemüseanbaus - einmütig abgelehnt.

Quellen und Literatur

Literatur
– H. Grütter, «Einige Anmerkungen zur ur- und frühgesch. Besiedlung des Amtes Erlach», in Aus der Gesch. des Amtes Erlach, 1974, 45-58
– H.-M. von Kaenel et al., «Das Seeland in röm. Zeit», in Jb. der Geogr. Ges. von Bern 53, 1977-79, 71-165
– H. Schwab, Archéologie de la 2e correction des eaux du Jura, 1990
Deutschfreiburger Beitr. zur Heimatkunde 58, 1991
– E.H. Nielsen, Gampelen-Jänet 3, 1991
– R. Marti et al., Ein frühma. Gräberfeld bei Erlach BE, 1992
SPM 1, 60-65
– A. Hafner, Die frühe Bronzezeit in der Westschweiz, 1995
– R.W. Scholz et al., Perspektive G., 1995

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler