20/05/2009 | Rückmeldung | PDF | drucken

Berner Oberland

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Region des Kt. BE. Zum B. zählt der bern. Voralpen- und Alpenraum mit dem oberen Aaretal, den Seitentälern Hasli-, Lütschinen-, Kander-, Simmen- und Saanetal sowie Thuner- und Brienzersee. Es ist durch die Voralpenkette (Stockhornkette, Sigriswilgrat, Hohgant, Brienzergrat) vom Unterland getrennt. Politisch ist das B. in die Amtsbez. Thun, Nieder- und Obersimmental, Saanen, Frutigen, Interlaken und Oberhasli unterteilt.

Bereits in prähist. Zeit war das B. begangen, in röm. Zeit längs der Aare und der Seen besiedelt. Zugang boten von Norden und Osten her Brünig- und Sustenpass (mit röm. mansio), vom Süden her Grimsel-, Lötschen-, Gemmi-, Rawil-, Sanetschpass und Col du Pillon. Die meisten Oberländer Kirchen, die zu Talzentren grossräumiger Pfarreien wurden, entstanden im Früh- und HochMA (7./8.-11. Jh.). Die Aare bildete die Grenze zwischen den Bistümern Konstanz und Lausanne. Das B. gehörte im MA zunächst zum hochburgund. Königreich (Königshöfe Wimmis, Matten), von zähring. Zeit an zum Reich (Reichsvogtei Brienz, Reichsland Hasli) und wurde danach von einheim. Freiherren (u.a. von Oberhofen, Strättligen, Ringgenberg-Brienz, Wädenswil, Weissenburg), zeitweise von Walliser Freiherren (Raron, vom Turn), das Saanenland von den Gf. von Greyerz grund- und gerichtsherrlich verwaltet. Pässe und Alpen waren z.T. bis ins 19. Jh. in der Hand des Bf. von Sitten. Die Passpolitik führte die Stadt Bern ins B.: Durch Eroberung, Kauf, Burgrechte oder Pfandschaften in der Nachfolge der verschuldeten Freiherren erlangte Bern zwischen 1323 und 1400 die Herrschaft über den Grossteil des Oberlandes, dies z.T. im Wettbewerb mit den über den Brünigpass ins Oberhasli und Wallis zielenden Interessen Unterwaldens. Bern übernahm im B. fünf Talschaften, die über eigenes Landrecht und weitreichende Selbstverwaltung in Bäuerten (Gütergemeinden) und Landsgemeinden (Talverbänden) verfügten. Vom SpätMA an erhob sich das B. als Ganzes oder nur in Teilen wiederholt gegen Bern, um seine korporative "Freiheit" gegen Berns obrigkeitl. Verfügungen durchzusetzen (u.a. Böser Bund im Berner Oberland 1445, Widerstand gegen die Reformation 1528, Thuner Aufstand 1641). Wie im übrigen Staat war Bern auch im B. an frühere herrschaftl. Einheiten, Rechte und Titel gebunden. Die bern. Verwaltung umfasste somit im Ancien Régime neun Bezirke: die Schultheissenämter Thun und Unterseen, die Landvogteien Interlaken, Oberhofen und (Landschaft) Saanen, die Kastlaneien Frutigen, Nieder- und Obersimmental sowie die Landschaft Hasli. Ausser in der Landschaft Hasli mit einem einheim. Landammann an der Spitze standen Bernburger als Oberamtleute (Landvögte) vor. Von kurzer Dauer war der helvet. Kt. Oberland (1798-1803) mit der Hauptstadt Thun. Die polit. Einteilung des Kt. Bern nach 1803 griff mit den sieben Oberämtern (1831 Amtsbezirke) im Wesentlichen auf die altbern. Verwaltungsbezirke zurück.

Typisch für die Alpenrandlage war die ma. Siedlungsstruktur der Klein- und Burgstädtchen mit Märkten im Seengebiet (Thun, Unterseen, Spiez, Wimmis), der Marktdörfer (Frutigen, Saanen) in Talböden bis auf 1100 m und der Streusiedlungen mit Einzelhöfen auf Terrassen und an Talhängen bis auf 1600 m Höhe. Die Einbindung in den bern. Staat mit sicheren Kornmärkten im Unterland (Thun, Bern, Burgdorf) erlaubte den höher gelegenen Gebieten im 14. bis 16. Jh., auf die Selbstversorgung mit Getreide zu verzichten und auf Viehwirtschaft im Tal-, Vorsass- und Alpbetrieb umzustellen. Der Viehexport ging über die Pässe nach Italien bzw. ins Unterland. Nach 1500 entstanden neben den sieben ma. Märkten talaufwärts bis nach Gsteig und Adelboden elf neue für Viehkäufer. Mehrere Dörfer am Thunersee waren auf Rebbau spezialisiert. Das neuzeitl. Bevölkerungswachstum erforderte zusätzl. Erwerbsmöglichkeiten neben dem traditionellen Solddienst, u.a. Wolltuchweberei und Schieferabbau im Frutigland, nach 1800 Holzschnitzerei in Brienz, Spanschachtelmalerei und nach 1850 Zündholzindustrie in Frutigen. Wegen der verbreiteten Armut des 19. Jh. wanderten v.a. Bewohner des Simmentals und des Amts Interlaken nach Nordamerika, Deutschland oder Russland aus.

Albrecht von Hallers "Alpen" (1729), Reiseberichte und Alpenmalerei warben seit dem 18. Jh. für den Tourismus, der sich im Oberland nach 1800 zuerst am Thuner- und Brienzersee (Thun, Bödeli-Interlaken), später in den Seitentälern (Lauterbrunnen, Grindelwald) ausbreitete und besonders engl. Gäste anzog. Der neue Erwerbszweig begann sich im späten 19. Jh. in grösserem Stil auf die oberländ. Volkswirtschaft auszuwirken, zumal mit ihm der Ausbau der Verkehrswege verbunden war: Tal- und Passstrassen (Grimsel 1894, Susten 1944), Schifffahrt (ab 1835) und Eisenbahn (ab 1859, Transversalen Montreux-B.-Bahn 1905, Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn 1913). Vor dem 2. Weltkrieg prägte die Hotellerie der Kurorte den Tourismus, bis um 1900 mehrteils als Sommer-, danach zunehmend als Wintertourismus. Der Zusammenbruch der Hotellerie in beiden Weltkriegen erzwang eine Diversifikation der Oberländer Wirtschaft durch Förderung von Kleingewerbe und Heimarbeit, nach 1950 durch Ansiedlung von Industrie, wie sie sich heute vielfältig v.a. im Grossraum Thun, aber auch in den Tälern (z.B. Zweisimmen, Frutigen) präsentiert. Hinzu kam die Nutzung der Wasserkraft durch die Elektrizitätswirtschaft: Dem ersten privaten Kraftwerk Reichenbach/Oberhasli (1899-1909) folgten unabhängig voneinander, aber mit Beteiligung der Bern. Kraftwerke, 1925-54 die Kraftwerke im Raum Grimsel und 1952-72 Gadmen-/Gental der Kraftwerke Oberhasli, 1944-63 die versch. Simmentaler Kraftwerke und 1959-66 das Sanetschkraftwerk. Nach 1950 setzte auch eine neue Welle im Bau von Hotels und v.a. von Ferienhäusern und -wohnungen ein, was in einzelnen Gebieten zu verdichteter Besiedlung führte (Interlaken, Adelboden, Grindelwald, Saanen-Gstaad). Die ab den 1930er Jahren und vermehrt nach 1950 erstellten Zahnrad-, Standseil- und Luftseilbahnen, Ski- und Sessellifte bieten heute auch dem Ausflugstourismus zahlreiche Möglichkeiten. Beliebte Wintersportzentren entstanden in den schneesicheren Tälern mit Terrassen oberhalb von 1000 m (Saanenland, Adelboden, Lenk, Kandersteg, Wengen, Grindelwald, Mürren, Hasliberg).


Literatur
– A. Schaer-Ris, Das B., 1952
Kt. Bern - hist. Planungsgrundlagen, 1973
– A.A. Häsler, B., 1986
– C. Pfister, «Bevölkerung, Wirtschaft und Ernährung in den Berg- und Talgebieten des Kt. Bern 1760-1860», in Wirtschaft und Gesellschaft in Berggebieten, hg. von M. Mattmüller, 1986, 361-391
– P. Bierbrauer, Freiheit und Gem. im B., 1300-1700, 1991
– Pfister, Bern
– E. Schläppi Vom Freiheitstraum zum Glaubensstreit, 2000
– C. Clavadetscher Der Wirtschaftsraum Thun/B., 2001

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler