30/10/2008 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Korporationen

K. sind Körperschaften, welche aus der gemeinsamen Nutzung der ma. Gemeinmarchen - Allmenden, Wälder und Alpen - hervorgingen und denen die germ.-genossenschaftl. Rechtstradition zugrunde liegt. Die im 19. Jh. aufgekommene Ansicht, dass die K. aus ursprüngl. Markgenossenschaften entstanden seien (Genossenschaft), gilt heute als überholt. Vielmehr nutzten Personenverbände gemeinsam Wälder, Weiden, Alpen, Gewässer und Wege und nahmen dadurch allmählich körperschaftl. Strukturen an. Die Entwicklung zu eigentl. Körperschaften vollzog sich erst im SpätMA, als die genossenschaftl. Nutzung der Gemeinmarchen wegen der zunehmenden Bevölkerung und der wachsenden Bedeutung der Grossviehhaltung gestrafft und besser organisiert wurde.

Die Entstehung der K. erfolgte unterschiedlich: Vielerorts integrierten die Bauern im Zuge der Siedlungsentwicklung und des Landesausbaus das herrschaftslose Land allmählich in ihre genossenschaftl. Nutzung. Wo Grundherrschaften bestanden - wie z.B. in der Waadt, in Einsiedeln und Appenzell -, wurde die Nutzung der Gemeinmarchen von diesen bestimmt und organisiert oder zumindest die von den Genossen erlassenen Satzungen genehmigt. In Ursern und den Walsergemeinden in Graubünden wurde sie als Anreiz den neuen Siedlern überlassen. Manche K. erwarben ihre Genossengüter ganz oder teilweise durch Kauf.

Auch die Entwicklung der K. verlief nicht einheitlich: Ursprünglich weiträumige Allmendgenossenschaften spalteten sich durch Sondernutzungen kleinerer Siedlungsverbände in mehrere kleinere K. auf. Von diesen verharrten viele ausschliesslich in der Nutzung ihrer Genossengüter. Andere übernahmen staatl. Aufgaben und entwickelten sich zu Dorfgenossenschaften, den Vorgängerinnen der heutigen Gemeinden. Genossengüter waren auch den meisten Städten eigen. An wenigen Orten hatten ganze Talschaften oder Länder - z.B. in Uri und Schwyz - die Nutzung der Gemeinmarchen inne. Oft wurden die korporativen und staatl. Tätigkeiten der K. zu einer Einheit zusammengefasst.

Ab dem SpätMA und verstärkt während des Ancien Régime waren die K., Dorfschaften, Städte und Länder bemüht, die Nutzung der Allmendgüter einzuengen und dem Kreis der Alteingesessenen vorzubehalten. Nebst der Abstammung wurde oft die Ortsansässigkeit oder der Besitz einer Liegenschaft innerhalb des fest abgegrenzten Genossenkreises als Voraussetzung für die Nutzungsberechtigung dekretiert. Manche K. lösten sich infolge Teilung der Güter auf.

Die liberale Verfassungsentwicklung des 19. Jh., die durch wachsende Staatsaufgaben gekennzeichnet ist, verstärkte die Absonderungstendenz: Die Mitglieder der K. versuchten, ihre Güter dem Zugriff der öffentl. Hand zu entziehen. Deshalb entstanden neben den Einwohnergemeinden die Bürgergemeinden, welche einen Teil des Bürgergutes verwalteten (v.a. für Fürsorgezwecke). Daneben konstituierten sich vielerorts - teils aus den Zünften - die Korporationsbürgergemeinden (im Tessin die Patriziati), welche die aus der Nutzung der Gemeinmarchen fliessenden Rechte und Pflichten bis heute beanspruchen. Die Zugehörigkeit zu ihnen bildet jedoch keine Voraussetzung mehr für das Gemeinde- und Schweizer Bürgerrecht.

Heutzutage existieren noch zahlreiche nicht an ein Gemeindegebiet gebundene K. Sie gelten in den meisten Kantonen als Körperschaften des öffentl. Rechts mit Eigentumsgarantie und weitgehender Autonomie. Im 20. Jh. entstanden in vielen Kantonen Verbände der Bürgergemeinden und K., welche sich 1945 zum gleichnamigen gesamtschweiz. Verband zusammenschlossen.


Literatur
– P. Caroni, Le origini del dualismo comunale svizzero, 1964
– P. Liver, «Das Dorf», in Abh. zur schweiz. und bündner. Rechtsgesch. 1970, 122-132
– R. Göpfert, Fs. zur 50. Generalversammlung des Schweiz. Verbandes der Bürgergem. und K., 1994
– J. Petermann, Die luzern. Korporationsgem., 1994
– A. Hubli, Die Genossamen Schillingsrüti und Sattelegg, 1995
– A. Jörger, Genossame Wangen 1400-2000, 2000
– H. Stadler, Gesch. der Korporation Pfäffikon, (in Vorb.)

Autorin/Autor: Hans Stadler