• <b>Bürgermeister</b><br>Knauf des Lausanner Bürgermeisterstabs, 17. Jahrhundert (Musée historique de Lausanne). Herrschaftszeichen wie Bischofsstab, Zepter oder Marschallstab symbolisieren die Macht ihrer Träger. Den Stab des Bürgermeisters von Lausanne schmückt das von zwei Löwen getragene Wappen der Stadt.

Bürgermeister

B. war v.a. im deutschsprachigen Raum die Bezeichnung für Stadtoberhaupt und Ratsvorsitzenden. Im angrenzenden französischsprachigen Gebiet kam die Lehnübersetzung bourgmestre oder maître-bourgeois vor. Das Amt des B.s. ist an die Ausbildung der städt. Ratsverfassung im Hoch- und SpätMA geknüpft (Räte) und erscheint zuerst in den rhein. Bischofsstädten in den 1220er und 30er Jahren, danach auch in den schweiz. (Basel 1253) und süddt. Städten. Als bürgerschaftl. Amtsträger war er anfangs dem vom Stadtherrn eingesetzten Herrschaftsbeamten (Schultheiss, Meier, Ammann) untergeordnet; dieser hatte den Vorsitz im städt. Rat, im Nieder-, teils auch im Hochgericht inne. Mit dem Erstarken der Stadtgemeinde und dem Machtverlust des Stadtherrn stieg je nach Ort der B. (z.B. in Basel) oder der Schultheiss (Bern, Burgdorf, Freiburg, Luzern) zum Stadtoberhaupt auf. In einigen Städten fungierte der B. als Statthalter für den Schultheissen (u.a. Freiburg bis ins 16. Jh.) bzw. als Polizei- (Freiburg, Solothurn) oder Finanzchef (Burgdorf) weiter. In Biel stieg der B. 1542 zum Stellvertreter des bischöfl. Meiers auf, in Lausanne der bourgmestre ab 1529 zum Stadtoberhaupt. In der Nordostschweiz verhalf die Zunftverfassung dem Amt des B.s zum Durchbruch: In Zürich anlässlich der Brun'schen Zunftrevolution 1336; in Basel (1337 verbrieft), St. Gallen (1354), Schaffhausen (1411), Stein am Rhein (1458) und Chur (1464 verbrieft) nach der Überwindung des Widerstands der geistl. Stadtherren. Ein dörfl. B. ist für die zur Grundherrschaft des Klosters Reichenau gehörenden Dörfer im Gebiet des heutigen Thurgaus belegt.

<b>Bürgermeister</b><br>Knauf des Lausanner Bürgermeisterstabs, 17. Jahrhundert (Musée historique de Lausanne).<BR/>Herrschaftszeichen wie Bischofsstab, Zepter oder Marschallstab symbolisieren die Macht ihrer Träger. Den Stab des Bürgermeisters von Lausanne schmückt das von zwei Löwen getragene Wappen der Stadt.<BR/>
Knauf des Lausanner Bürgermeisterstabs, 17. Jahrhundert (Musée historique de Lausanne).
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Der Aufgabenkreis des B.s differierte von Stadt zu Stadt. Als Vorsitzender des Rats leitete er die Ratssitzungen, stellte Anträge zur Erörterung und führte durch Umfrage die Beschlussfassung herbei. Der B. leitete und verwaltete das Stadtwesen und repräsentierte die Stadt und in den Hauptstädten auch den Staat gegen aussen. Z.T. oblag ihm die Durchsetzung der städt. Polizeiverordnungen und Satzungen, die Verhängung von Geldstrafen bei geringfügigen Delikten, die Aufsicht über die Vollstreckung der Gerichtsurteile und die Überwachung von Markt und Handel. Ähnl. Aufgaben nahmen die Syndics in Genf wahr. Die Wahl des B.s unterschied sich nach Ort und Zeit: In Zürich wurde der B. von den Zünften, ab 1713 vom Gr. Rat gewählt, in Basel vom Bischof eingesetzt, ab 1521 durch beide Räte gewählt. Für die Wahl zuständig waren der Gr. (Schaffhausen ab 1411) oder der Kl. Rat (Biel 15. Jh.), in St. Gallen ab 1354 die Stadtgemeinde. Versch. Städte kannten mehrere B. mit unterschiedl. Zuständigkeiten. Im 14. und 15. Jh. setzte sich das Rotationsprinzip durch: Zwei (Zürich, Basel, Boudry, Chur, Schaffhausen) oder drei (St. Gallen) wechselten sich im Amt (halb-)jährlich ab. Der amtierende B. hiess Amts-B., neuer oder regierender B., der zweite Alt- oder stillstehender B.; in St. Gallen versah der dritte B. das Amt des Reichsvogts. Kürzere Amtszeiten (z.B. in St. Gallen, Lausanne) wurden durch Wiederwahl auf Lebenszeit verlängerbar, womit sich angesichts von Oligarchisierungstendenzen und blosser Bestätigungswahlen in mehreren Städten seit dem SpätMA langlebige B.-Familien herausbildeten.

In der Helvetik aufgehoben, kam das Amt des B.s 1803 vorübergehend wieder auf bis zur endgültigen Ablösung durch jenes des Regierungs- bzw. Stadtpräsidenten (Gemeindepräsident) ab der Mitte des 19. Jh.


Literatur
– K. Messmer, P. Hoppe, Luzerner Patriziat, 1976, 1-28, (Einführung von H.C. Peyer)
– Peyer, Verfassung
HRG 4, 156-166

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler