Pensionen

In der ursprünglichen kirchenrechtl. Bedeutung war eine Pension das einem Kleriker zugesprochene Recht, während seiner Amtszeit oder auf Lebenszeit die Erträge eines Benefiziums zu beziehen, ohne dafür zu Gegenleistungen verpflichtet zu sein. Von der Mitte des 15. Jh. an wurde der Begriff im weltl. Kontext für regelmässige, in fester Vertragsform vereinbarte und offizielle, wenn auch oft vertraulich gehandhabte Zahlungen gebraucht, die Laien wie Kleriker vom Fürsten zusätzlich zu ihrer normalen Entlohnung erhielten. In der Eidgenossenschaft erscheinen die ersten derartigen Jahrgelder im Zusammenhang mit den Bündnissen gegen Karl den Kühnen im letzten Drittel des 15. Jh. (Burgunderkriege). Sowohl als öffentliche, an offizielle Kassen bezahlte wie als geheime, an Einzelpersonen entrichtete P. zielten sie darauf ab, polit. Entscheidungen zu beeinflussen und den ausländ. Kriegsherren den Zugang zu den begehrten eidg. Söldnern (Fremde Dienste) zu sichern. Obwohl von Beginn an umstritten - die ersten Versuche, P. zu verbieten, datieren bereits vom Beginn der 1470er Jahre -, ermöglichten sie den Aufstieg wohlhabender Honoratioren und Kriegsunternehmer (Militärunternehmer). "Pensionenherren" wie der Zürcher Bürgermeister Hans Waldmann fungierten als inoffizielle Interessenvertreter ihrer Auftraggeber und Verteiler empfangener Gelder in lokalen Patronagesystemen (Klientelismus). Nach Waldmanns Sturz und Hinrichtung 1489 wurde in der Tagsatzung erneut ein Verbot dieser Zahlungen beraten, konnte aber ebensowenig wie spätere Versuche (Pensionenbrief von 1503) durchgesetzt werden. Offizielle franz. und österr. Listen nennen zahlreiche hochrangige Repräsentanten der eidg. Orte als Empfänger geheimer P., darunter mehrere Stadtschreiber und Chronisten, u.a. Petermann Etterlin und Diebold Schilling. In internen Konflikten zu Beginn des 16. Jh., v.a. bei den Unruhen 1513 in Bern (Könizer Aufstand), Solothurn und Luzern (Zwiebelnkrieg), 1515 in Zürich und beim Sturz des Basler Bürgermeisters 1521 spielten diese Jahrgelder, deren Empfängern Bestechlichkeit und Verrat vorgeworfen wurde, eine zentrale Rolle. Flugschriften und Traktate beklagten ihre Auswirkungen in drastisch sexueller Metaphorik und bezeichneten sie als giftige Gaben und Judaslohn. Huldrych Zwingli nahm in seinen Predigten gegen die Reisläuferei (Reisläufer) und P. zwischen 1521 und 1525 diese Motive auf und spitzte sie weiter zu: Die Annahme von P. stifte nicht nur zu Untreue und Verrat an, sondern verweichliche und verweibliche die Eidgenossen mit neuen Lastern, Kleiderluxus und Müssiggang. In den ref. Orten wurden scharf formulierte Verbote erlassen; Zwinglis ehem. Parteigänger Jakob Grebel wurde in Zürich 1526 wegen angebl. Annahme von P. hingerichtet.

Ausländ. Jahrgelder blieben aber vom 16. bis zum Ende des 18. Jh. eine wichtige Finanzquelle, v.a. in den kath. Kantonen, wo sie zeitweise mehr als die Hälfte der regulären öffentl. Einnahmen ausmachten. In den ref. Orten wurden keine öffentl. P. an Amtsträger bezahlt, stattdessen dienten profitable Handelsprivilegien und Salzkonzessionen als gezielte Mittel der ausländ. Einflusssicherung. Die eidg. Orte konnten im 16. und 17. Jh. dank der ausländ. P. finanzielle Reserven aufbauen und teilweise auf direkte Steuern verzichten. In den kath. Orten wurden sie zum prägenden polit. Strukturelement: Einzelne Fam. sicherten sich durch die Monopolisierung von P.-Verteilung und damit verknüpften Solddienstunternehmungen und Salzkonzessionen z.T. jahrhundertelange lokale Dominanz (Zurlauben in Zug, Reding in Schwyz, Schmid in Uri). Neben französischen waren bis zum Beginn des 18. Jh. auch span., venezian., savoy., und mailänd. Gelder wichtig. Fragen der angemessenen Verteilung von P. und die Konkurrenz zwischen profranz. Parteien und ihren Gegnern gehörten in den kath. Orten vom 16. bis ins 18. Jh. zu den heftig und kontrovers diskutierten innenpolit. Themen. Nach 1710 sind nur noch franz. P. nachweisbar, der franz. Bündnisvertrag wurde 1777 zum letzten Mal erneuert.

Die P. verdeutlichen nicht nur den oligarch. Charakter des Ancien Régime und die Bedeutung von Klientel- und Patronagebeziehungen, sondern auch die Integration vermeintlich "abgeschlossener" alpiner Regionen in internat. Militär- und Finanztransaktionen der frühen Neuzeit. Der Widerspruch, in dem das System der P. zur hist. Selbststilisierung der modernen Schweiz im 19. und frühen 20. Jh. stand, hat zusammen mit Motiven der älteren konfessionellen Polemik die Darstellung der Eidgenossenschaft in der Geschichtsschreibung bis in die 2. Hälfte des 20. Jh. deutlich beeinflusst und verzerrt.


Literatur
– K. Messmer, P. Hoppe, Luzerner Patriziat, 1976
– M. Körner, Solidarités financières suisses au XVIe siècle, 1980
– R. Bolzern, Spanien, Mailand und die kath. Eidgenossenschaft, 1982
– U. Kaelin, «Salz, Sold und P.», in Gfr. 149, 1996, 105-124
– V. Groebner, Gefährl. Geschenke, 2000
– H. Braun, «Heiml. P. und verbotener Reislauf», in Personen der Gesch., Gesch. der Personen, hg. von C. Hesse et al., 2003, 25-42
– C. Windler, «"Ohne Geld keine Schweizer"», in ZHF, Beih. 36, 2005, 105-133
– P. Rogger Die Pensionenunruhen 1513-1516, Kriegsgeschäft und Staatsbildung in der Eidgenossenschaft am Beginn der Neuzeit, Diss. Bern, 2010

Autorin/Autor: Valentin Groebner