05/12/2014 | Rückmeldung | PDF | drucken | 

Geheimer Rat

G. heisst der ab dem 15. und 16. Jh. in den Städteorten, später auch in den Länderorten Glarus, Appenzell Ausserrhoden, Appenzell Innerrhoden, Uri und Obwalden greifbare, in den Quellen unterschiedlich bezeichnete, engere Ausschuss der Räte, der aus den mit dem polit. Geschäft erfahrenen Häuptern der Stände - Bürgermeister, Schultheiss, Landammann, Oberstzunftmeister, Venner, Landesfähnrich und (Land-)Seckelmeister - und weiteren Ratsherren aus den Landesteilen oder Gem. zusammengesetzt war. Der G. bildete, unter Umständen zusammen mit dem Kleinen Rat, "das Zentrum der Regierungsgewalt, die eigentlich fakt. Obrigkeit" (Hans Conrad Peyer).

War der Institutionalisierungsgrad dieses Gremiums - also Zusammensetzung, Kompetenzen, Beständigkeit, Periodizität der Sitzungen und selbstständige Protokollführung - in den Anfängen eher gering, so erhielt es im 17. und 18. Jh. in der Regel unter der Bezeichnung G. festere Gestalt; in Basel hiess es Dreizehnerrat, in Freiburg Geheime Kammer, deren Mitglieder "Heimlicher" genannt wurden. In den Länderorten entwickelte sich der G. selten zur ständigen Behörde wie z.B. in Uri, sondern wurde bei Bedarf eingesetzt - so in Glarus - oder blieb eine befristete Einrichtung wie in Obwalden und Appenzell Innerrhoden.

Der G. behandelte insbesondere in Kriegs- und Krisenzeiten - z.B. während Reformation und Dreissigjährigem Krieg - die dringenden Geschäfte der obrigkeitl. Finanz-, Kirchen-, Aussen- und Sicherheitspolitik. Er nahm sich jener Regierungsfragen an, die besonderer Diskretion bedurften, etwa auch der Konflikte in regierenden Fam. oder Behörden. Er war vorberatende, vor den Räten antragstellende Instanz, unterlag keiner Rechenschaftspflicht gegenüber den weiteren Räten und der Gem. und traf - bisweilen von den Räten ausdrücklich mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet - wichtige Entscheidungen ohne deren Befragung. Sein geheimes Regierungsgebaren, seine Machtfülle und selbstherrl. Regentschaft riefen mitunter Opposition aus dem Grossen Rat (Basel 1691), dem Landrat (Appenzell Innerrhoden 1716-17) oder der untertänigen Landschaft (Zürich 1531-32) hervor. Der Widerstand führte in Appenzell Innerrhoden und Zürich zeitweilig zur Abschaffung des G.s (Ländliche Unruhen, Städtische Unruhen).

In fürstl. Territorien war der G. engstes Beratungsorgan des Fürsten, das mit seinen Anträgen die fürstl. Resolution häufig präjudizierte. Der Landesherr ernannte die Präs. der Ratskollegien (Hof-, Kammer-, Kirchenrat) und weitere hochrangige fürstl. Beamte (Hofämter, Kanzler, Landvögte; im Fürstbistum Basel auch einen Vertreter des Domkapitels) zu Mitgliedern.


Literatur
– J.J. Blumer Staats- und Rechtsgesch. der schweiz. Demokratien oder der Kt. Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus, Zug und Appenzell 2/I, 1858
– E. Fabian, G. in Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen, 1974
– Peyer, Verfassung, 109
AppGesch. 3, 40-43

Autorin/Autor: André Holenstein