Thebäische Legion

Gemäss einem erstmals durch Bf. Eucherius von Lyon überlieferten Passionsbericht (um 440) soll eine röm. Legion von Soldaten christl. Glaubens um 300 bei Acaunum (Saint-Maurice) den Märtyrertod erlitten haben. Thebäer wurden sie genannt, weil sie in der ägypt. Landschaft Thebais rekrutiert worden waren. Die Legionäre hätten sich geweigert, an Christenverfolgungen und heidn. Kulthandlungen teilzunehmen. Eucherius nennt die Truppenführer Mauritius, Exuperius und Candidus, einen Veteranen Victor sowie als weitere Opfer Ursus und Victor, die in Solothurn dasselbe Schicksal erlitten hätten. Um 380 habe der Walliser Bf. Theodul die Gebeine der Märtyrer entdeckt und in einer Grabkapelle bestatten lassen.

Dieses Memorial ist in Saint-Maurice archäologisch nachgewiesen. Eucherius' Überlieferung wirft aber hist. Probleme auf. So passen der Ort des Martyriums und die Identifikation der Märtyrer als Thebäer (aus Ägypten) nicht zueinander. Zudem weisen die Ränge der drei militär. Führer auf die röm. Reiterei und nicht auf eine Legion. Indes fügen sich die Umstände der Entdeckung (revelatio und inventio) gut in die Formen der Heiligenverehrung ein, mittels derer frühma. Bischöfe nichtchristl. Kulte zu ersetzen suchten.

Die Legende der T. (Festtag 22. September) entfaltete im Gebiet der heutigen Schweiz eine starke Wirkung, besonders im 5./6., im 9./10. und im ausgehenden 15. Jh.: Im frühen 6. Jh. wurde Saint-Maurice zum zentralen Heiligtum des Burgunderreichs, und bei Genf entstand mit Saint-Victor eine zweite Stätte der Verehrung. In Solothurn geht das Gedenken an Ursus und Victor möglicherweise bis in das 5. Jh. zurück, während die Passionsberichte über Felix und Regula in Zürich im späten 8. Jh. ihren Anfang nehmen. Ebenfalls den Thebäern zugerechnet wird die v.a. in Zurzach verehrte Verena. Den Verkehrswegen entlang breitete sich der Kult der T. auch in Norditalien und bis an den Niederrhein aus.


Literatur
LThK 10, 14
– M. Zufferey, «Le dossier hagiographique de Saint Maurice», in ZSK 77, 1983, 3-46
Ökumen. Kirchengesch. der Schweiz, hg. von L. Vischer et al., 1994 (21998)
– A. Furger et al., Die Schweiz zwischen Antike und MA, 1996
LexMA 8, 611
– J.-M. Roessli «Le martyre de la Légion Thébaine», in K+A 54, 2003, H. 3, 6-15
Mauritius und die T., hg. von O. Wermelinger et al., 2005

Autorin/Autor: Alfred Zangger