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No 11

Orelli, Giorgio

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geboren 25.5.1921 Airolo,gestorben 10.11.2013 Bellinzona, kath., von Bedretto. Sohn des Mario, Gemeindeschreibers, und der Maria geb. Gendotti, von Prato Leventina. ∞ Miriam De Angeli. Nach dem Stud. der rom. Philologie bei Gianfranco Contini an der Univ. Freiburg wirkte O. als Italienischlehrer an der kant. Handelshochschule in Bellinzona. Er gilt als wichtigster Schriftsteller der ital. Schweiz. Seine ersten Gedichte entstanden während des 2. Weltkriegs, als Lugano ein Zentrum der ital. Exilliteratur war: 1944 erhielt O. für "Né bianco né viola" den Premio Lugano. Seine Übersetzungen, v.a. von Goethe, dem er 1957 und 1974 zwei Sammlungen widmete, trugen entscheidend zur Erweiterung seines kulturellen Horizonts und zur formalen Entwicklung seines Werks bei. Sein feines Gespür für die Poesie des Augenblicks rückten ihn in die Nähe von Eugenio Montale, ein wichtiger Schritt zur Vollendung der Sammlung "L'ora del tempo", die 1962 bei Mondadori verlegt wurde. Auf die Krise der 1960er Jahre, aus der die neue Avantgarde hervorging, reagierte O. mit verstärkter Selbstbezogenheit und den Poesiebänden "Nel cerchio familiare" 1960 sowie "Sinopie" 1977. Sie versammeln Gedichte, in denen Pier Paolo Pasolini alles als "aussergewöhnlich real" empfand. Diese Nähe zur eigenen Wirklichkeit widerspiegelt sich im Erzählton, der trotzdem eine krit. und selbskrit. Distanz zu bewahren vermag. Im "Einfangen von Stimmen" (cogliere voci), in treffenden Anspielungen und der Verwendung von Umgangssprache kommt die Zitierkunst des Dichters zum Tragen. Sie findet auch Ausdruck in einer feinen, in der Erinnerung ruhenden Fähigkeit, Kritik zu üben, die zusammen mit seinem poet. Schaffen wachsen konnte. 2001 folgte der Gedichtband "Il collo dell'anitra". In O.s eigenwilliger Alltagsprosa - von "Un giorno della vita" (1960) bis hin zu "Pomeriggio bellinzonese" (1978) - überdecken scherzhafte Episoden die Tragik des Normalen. Als herausragende Beispiele ihres Genres lassen sich die Lyrikbände "Sinopie" (1977) und "Spiracoli" (1989) anführen. Sie stehen am Schluss einer langen Auseinandersetzung des Dichters mit der Mündlichkeit, die zum Leitprinzip seines philolog. Schaffens ("Accertamenti verbali" 1979, "Accertamenti montaliani" 1984, "Quel ramo del lago di Como" 1990, "Il suono dei sospiri: sul Petrarca volgare" 1991, "Foscolo e la danzatrice" 1992) wurde. O. beteiligte sich nicht nur entscheidend an der Entwicklung neuer lyr. Modelle, sondern auch an der Suche nach neuen literaturwissenschaftl. Interpretationsansätzen. 1979 Dr. hc. der Univ. Freiburg, 1988 Grosser Schillerpreis, 1990 Premio Nuova Antologia.


Literatur
– P.V. Mengaldo, Poeti italiani del Novecento, 1978
– G. Contini et al., Giorgio O., 1980
– P. De Marchi, Dove portano le parole: sulla poesia di G. O. e altro Novecento, 2002

Autorin/Autor: Pio Fontana / CN