No 2

Salvioni, Carlo

geboren 3.3.1858 Bellinzona, gestorben 20.10.1920 Mailand, Freidenker, von Bellinzona. Sohn des Carlo, Druckers und Buchhändlers, aus einer lombard. Familie aus Erba, und der Martina geb. Borsa, von Bellinzona. ∞ 1892 Enrichetta Taveggia. Gymnasium in Lugano, 1875-76 Medizinstud. an der Univ. Basel, 1876-78 Stud. der indogerm. und rom. Linguistik bei Karl Brugmann und weiteren angesehenen Vertretern der junggrammat. Schule in Leipzig, 1883 Promotion mit der ersten Untersuchung zum Dialekt einer Grossstadt ("Fonetica del dialetto moderno della Città di Milano"). 1885-89 war S. PD für vergleichende Sprachgeschichte der klass. und neulat. Sprachen in Turin, 1889-90 Lehrbeauftragter für neulat. Literatur an der Accademia scientifico-letteraria in Mailand, 1890-95 ao. Prof. und bis 1902 o. Prof. für vergleichende Sprachgeschichte klass. und neulat. Sprachen an der Univ. Pavia. 1902 wurde er als Nachfolger Graziadio Isaia Ascolis auf den Mailänder Lehrstuhl berufen. S. hatte bereits ab 1884 an der von Ascoli gegr. und geleiteten Zeitschrift "Archivio glottologico italiano" mitgewirkt und hier seine Ausbildung vertieft; 1901 übernahm er von dessen Gründer auch die Leitung. Als einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Etymologie, der Sprachgeschichte und der ital. sowie der rom. Dialektologie hinterliess S. grundlegende Studien insbesondere zu den Dialekten der ital. Schweiz (z.B. "Lingua e dialetti della Svizzera italiana" 1907) und Norditaliens von der Antike bis zur Neuzeit unter Berücksichtigung aller strukturellen Bereiche von der Phonetik und Morphologie über die Syntax bis zur Lexik. 1907 begründete er das "Vocabolario dei dialetti della Svizzera italiana". Als Mitarbeiter der 1912 gegr. Kulturzeitschrift "L'Adula" verfocht S. die Italianità des Tessins sowie Italienisch- und Romanischbündens. Im Gedenken an die beiden Söhne, die 1916 als Freiwillige im 1. Weltkrieg ums Leben gekommen waren, rief S.s Witwe 1925 in Mailand eine Stipendienstiftung ins Leben, die Tessiner Studenten das Stud. an einer ital. Universität ermöglicht.


Werke
Scritti linguistici, hg. von M. Loporcaro et al., 5 Bde., 2008
Literatur
– C. Merlo, «Carlo S.», in L'Italia dialettale 22, 1958, 185-208
– M. Pfister, «Carlo S. (1858-1920)», in Les linguistes suisses et la variation linguistique, hg. von J. Wüest, 1997, 83-94
Carlo S. e la dialettologia in Svizzera e in Italia, hg. von M. Loporcaro et al., 2010

Autorin/Autor: Michele Loporcaro / BT