Kerzers

Polit. Gem. FR, Seebez., Marktdorf am Ostrand des Grossen Mooses. 926 Cartris, 1153 Kercers, 1228 Chiet(r)i, franz. Chiètres. 1835 1'057 Einw.; 1850 1'158; 1900 1'294; 1950 1'944; 2000 3'892.

K. liegt an der für die röm. Zeit nachgewiesenen, vielleicht aber noch älteren Transitroute durch das Mittelland. Streufunde stammen aus dem Mesolithikum; in der Bronze- und der Römerzeit (Mauern, Ausstattungsteile aus dem 1.-4. Jh.) war der Ort besiedelt. Im Kirchenbezirk ist ab dem 6. oder 7. Jh. ein Friedhof nachweisbar, der bis 1876 benutzt wurde. Die Schenkungsurkunde, wonach Kirche, Hof und Zehnt 962 an das Cluniazenserpriorat Payerne kamen, erwies sich als spätere Fälschung; da der Besitz 1148 aber bestätigt wurde, handelt es sich dabei vielleicht trotzdem um Stiftungsgut aus dem 10. Jh. Das Kloster errichtete in K. im 12. Jh. vermutlich ein Priorat als Pilgerstation, das 1228 als aufgehoben bezeichnet wurde. K. blieb bis zur Reformation beim Kloster. Der Kirchensatz ging nach der Säkularisation von Payerne 1536 an Bern über.

Payernes Vogtei über den Hof K., im 12. Jh. als Lehen in der Hand zähringischer, im 13. Jh. kyburg. Dienstleute, kam im 14. Jh. an das Bistum Lausanne und als bischöfl. Lehen an die Hzg. von Savoyen, die K. gerichtlich Murten unterstellten. Während der Burgunderkriege besetzten Bern und Freiburg 1475 Murten und verwalteten das Städtchen und mit ihm auch K. von da an als gemeine Herrschaft. Mit dieser kam es 1798 an Freiburg und gehörte ab 1803 zum Bez. Murten bzw. ab 1848 zum Seebezirk. 1831 konstituierte sich K. als polit. Gemeinde in den Grenzen der Dorfgemeinde.

Die Kirche (erw. 1153) mit Martinspatrozinium dürfte in merowing. Zeit entstanden sein; Fundamente einer karoling. Apsis sind erhalten. Infolge von Brandschatzungen im Laupenkrieg (1339) und in den Burgunderkriegen (1476) sind nur mehr Reste der rom. Kirche überliefert. Der Wiederaufbau ab 1477 schloss den got. Chor (1512-13), die Glas- (1513-15) und Wandmalereien (1519-20) ein. 1530 nahm die Bevölkerung unter dem Druck Berns die Reformation an. Zu der nun ref. Kirchgemeinde K. - seit dem 19. Jh. heisst sie Bernisch-K. - gehören auch Fräschels und die bernischen Gem. Golaten, Gurbrü und Wileroltigen. Kallnach und Niederried waren bereits 1528 als selbstständige Kirchgemeinden ausgeschieden.

Das Dorf verfügte schon unter den Savoyern über eine fleckenähnl. Infrastruktur - 1479 bestätigte Bern die entsprechenden Rechte - mit Badestube und Metzgerei im Dorfkern, der sog. Burgstatt, kommunalen Backöfen, Tavernen, Schmieden und einer Gerberei. Ab dem ausgehenden MA fanden in K. zwei Jahrmärkte statt. Der Gem. mit zwei Dorfmeistern (Dorfbeamten) stand die Flurgerichtsbarkeit und Weibelwahl zu. In Ackerzelgen, erhöht über dem Moos, betrieb K. Getreide- und etwas Rebbau und hatte mit den Nachbargemeinden Anteil an Weide, Wies- und Pflanzland im Moos, was zu Streit um Extranutzungen führte (Mooskrieg von 1793).

Nach dem Abschluss der 1. Juragewässerkorrektion 1891 und der damit verbundenen Melioration und Urbarisierung des Mooses wurde nach 1900 ein intensiver Gemüsebau möglich. Im 20. Jh. folgte der Aufschwung zur grössten Gem. am Gr. Moos und zum regionalen Zentrum, u.a. mit Sekundarschule (1927), Orientierungsschule (1987) und Altersheim (1991). Verbesserte Verkehrswege, v.a. die Eisenbahnlinien Murten-Lyss (1876) und Bern-Neuenburg (1901) waren dem Absatz der Feld- und Saisongemüse förderlich und zogen Investoren an: 1918 übernahm die Schweiz. Genossenschaft für Gemüsebau (SGG) die Cultures maraîchères S.A. Chiètres. Die SGG errichtete in K. einen Gemüsebaubetrieb von über 100 ha, wodurch K. zu einem der wichtigsten Gemüselieferanten der Coop wurde. Mit dem Anschluss an die Autobahn siedelten sich ab den 1970er Jahren Industrie- und Gewerbebetriebe versch. Branchen an (u.a. Reise- und Transport- sowie Baufirmen), ausserdem entstand eine Rüst- und Gemüseverteilzentrale. Neubauquartiere erstrecken sich v.a. vom Dorf hangaufwärts Richtung Arnen(wald). Seit 2003 betreibt die Stiftung Papiliorama in K. als tourist. Attraktion mehrere Tropenhäuser (u.a. Nocturama).


Literatur
– F. Vollenweider, K., 1951
HS III/2, 353-356
– H. Schöpfer, K., 1992
K.: Architektur und Siedlung, 1995
Schweiz. Genossenschaft für Gemüsebau, 1999
Kdm FR 5, 2000, 377-399

Autorin/Autor: Anne-Marie Dubler