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Der Walliser Anton Stockalper wurde wegen Verschwörung gegen die Staatssicherheit zum Tod verurteilt und am 4. Dezember 1627 in Leuk enthauptet und gevierteilt.

Die von Louis Debarge in Genf gegründete Wochenschrift La Semaine littéraire erschien erstmals im Dezember 1893.

KONTAKT
Historisches Lexikon der Schweiz, +41 31 313 13 30,

Aktuell / Das aktuelle Thema
10/2018

Die Schweiz im Streik

Der Landesstreik vom November 1918 gilt als eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Arbeiterbewegung. Er markierte den Höhepunkt der sozialen Konflikte, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs die Schweiz wie auch andere europäische Länder erschütterten. Anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums wurde der landesweite Generalstreik bereits mehrfach thematisiert, wie etwa mittels einer Doku-Fiktion der SRG, einer Theateraufführung in Olten, aber auch anhand von Ausstellungen und Publikationen (u.a. Traverse Nr. 2, 2018, gemeinsam mit Les Cahiers d'histoire du mouvement ouvrier).

Lesen Sie nachfolgend zwei eigens für das HLS verfasste Beiträge zum Thema Landesstreik: der eine fokussiert auf die Lage im Kanton Tessin (Gabriele Rossi), der andere auf die Rolle der Frauen (Katharina Hermann).

Gabriele Rossi ist Fachexperte für die Geschichte der Arbeiterbewegung und Archivar der Fondazione Pellegrini Canevascini in Bellinzona. Die Stiftung dokumentiert und archiviert Quellenmaterial zur Sozialgeschichte der italienischen Schweiz und verfügt über wichtige Bestände zum Generalstreik.

Katharina Hermann ist Doktorandin an der Universität Bern im Rahmen des Nationalfonds-Forschungsprojekts «Krieg und Krise: Kultur-, geschlechter- und emotionshistorische Perspektiven auf den schweizerischen Landesstreik vom November 1918». Sie analysiert das Engagement von Frauen und Frauenorganisationen während des Generalstreiks.

Das HLS dankt beiden für ihre Mitwirkung.

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11/2018

Der Landesstreik vom November 1918 und sein Echo im Tessin

In den 1960er Jahren widerlegte Willi Gautschi mit seiner Studie die ältere These, beim Landesstreik handle es sich um einen von den Bolschewiki organisierten Revolutionsversuch. Der Grund für die Unruhen wird seitdem auf die prekären Lebensbedingungen der Arbeiterschaft zurückgeführt, die einer hohen Inflation, einem Mangel an Gütern des täglichen Bedarfs und grossen Belastungen durch den Aktivdienst ausgesetzt war. Auch wenn der Streikabbruch von den Beteiligten als Niederlage empfunden wurde, deuteten die Streikführer aufgrund der im Anschluss erreichten Ergebnisse den Protest als Sieg nach verlorener Schlacht. Die dem Bundesrat zu Kriegsbeginn übertragenen Vollmachten beschnitten den Einfluss des Parlaments. Darauf reagierte die Arbeiterbewegung, indem sie im Februar 1918 mit dem Oltener Aktionskomitee ein entscheidungsfähiges Organ schuf, das mit dem Bundesrat direkt verhandelte.

Der schwache Widerhall im Tessin
Im Tessin sympathisierte die Mehrheit der Bevölkerung nach der deutschen Invasion in Belgien mit der Entente, im Gegensatz zur Deutschschweiz, wo die Öffentlichkeit mehrheitlich Verständnis für die Sache der Mittelmächte zeigte. Sämtliche Tessiner Parteien sahen im Oltener Aktionskomitee ein Werkzeug der «Deutschen» zugunsten der Mittelmächte. Die antideutsche Haltung richtete sich auch gegen die «Bolschewiki». Eine solche Position hätte man eher von den historischen Parteien, also den Liberalen, Radikalen und Konservativen, erwartet. Die Zurückhaltung der Tessiner Sozialdemokraten gegenüber ihren Gesinnungsgenossen nördlich der Alpen gründete auch in den Nachwirkungen der 1913 erfolgten Spaltung des Partito Socialista Ticinese. Die Gruppe um die Zeitung Libera Stampa, angeführt vom Sekretär des Arbeitsamts Guglielmo Canevascini, sprach sich für den Kriegseintritt Italiens aus. Mario Ferri hingegen führte den Flügel um die Zeitung L’Aurora an und verfocht einen pazifistischen Standpunkt. Nach der Spaltung erfuhr dieser Flügel einen raschen Niedergang, obwohl nur er von der nationalen Parteileitung anerkannt wurde und im Tessin auf die Unterstützung der Sektionen des Grütlivereins, darunter zahlreiche Deutschschweizer, zählen konnte.

 

Als bei der Wiedervereinigung der Partei 1917 die Libera Stampa die Reste der Aurora, die 1916 eingestellt worden war, übernahm, war die Beziehung zwischen dem siegreichen Flügel im Tessin und der nationalen Parteileitung aufgrund der fehlenden Unterstützung von Canevascini und dessen Anhängern während der Parteispaltung belastet. Das gegenseitige Misstrauen war auch der Grund dafür, dass der Schweizerische Gewerkschaftsbund noch 1918 die Arbeitskammer von Lugano nicht offiziell anerkannte. Dieser Umstand trübte im November das Einverständnis zwischen dem Oltener Aktionskomitee und den Tessiner Gewerkschaften. Zudem war im Tessin die Arbeiterbewegung im Wiederaufbau begriffen, verfügte über wenige Führungsfiguren und kämpfte mit einer fragmentierten Basis.

Eine andere Stimmung im Tessin
Als der Landesstreik ausbrach, feierte das Tessin gerade den Sieg Italiens. Die öffentliche Stimmung im Tessin unterschied sich grundlegend von jener in der Deutschschweiz. In einer Zeit, in der die Schweizer Gesellschaft durch einen tiefen Graben zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft gekennzeichnet war, spielte dieser Gegensatz in der Wahrnehmung der Deutschschweiz im Tessin keine Rolle. Für die Tessiner war, unabhängig der politischen Färbung, der Landesstreik ein Manöver deutschfreundlicher Kreise, welche die Schweiz schwächen wollten. Diese Sichtweise war durch die Grimm-Hoffmann-Affäre von 1917 vorgespurt worden. Der Kanton Tessin nutzte die Gelegenheit und verfügte die Mobilisation seiner Truppen, die für den Einsatz in Zürich, dem Zentrum des Landesstreiks, benötigt wurden. «Jetzt zeigen wir ihnen, wer die wahren Patrioten sind, sicherlich nicht die Revolutionäre der Deutschschweizer Städte!» Die bürgerliche Presse deutete den Einsatz der Soldaten als Beleg für das wiedergewonnene Vertrauen des Bunds in die Standhaftigkeit des Kantons Tessin. Aus Sicht der Tessiner handelte es sich um ein Zeichen der Wertschätzung, nachdem die häufigen Zensureingriffe während des Krieges ihren Patriotismus in Frage gestellt zu haben schienen. Dieses Gefühl der Anerkennung war so stark, dass es auch die Tessiner Gedenkfeierlichkeiten von 1948 zum 30-jährigen Jubiläum prägte.

Wer streikte im Tessin?
Nur die Arbeiter, die direkt über die nationalen Gewerkschaften organisiert waren, setzten, zum Teil verspätet, den Streikbefehl des Oltener Aktionskomitees um. Für ihre Kollegen aus dem Rest des Landes führten sie einen Solidaritätsstreik durch. Daran beteiligten sich Eisenbahner aus dem Sopraceneri und der Bahnlinie Locarno, Metallarbeiter aus Bodio, Arbeiter der SBB-Werkstätten in Bellinzona und Arbeiter aus den Steinbrüchen um Biasca. Die Delegierten der Arbeiter, die dem Gewerkschaftskartell der Arbeiterkammer angehörten, beschlossen hingegen in zwei Sitzungen in Locarno und Lugano, sich dem Streik nicht anzuschliessen. Auch die Eisenbahner des Sottoceneri blieben der Aktion fern.

Von der schwachen Beteiligung, die im Vergleich mit dem erfolgreichen Streik vom Juli in Lugano, der als «wahrer» Tessiner Beitrag zum Landesstreik betrachtet werden kann, noch augenfälliger ist, erholte sich die kantonale Arbeiterbewegung rasch. 1919 schickte sie mit Guglielmo Canevascini ihren ersten Nationalrat nach Bern. Im selben Jahr eröffnete sie zwei Volkshäuser in Bellinzona und Chiasso sowie die Volksuniversität in Lugano.

Gabriele Rossi, Archivar der Fondazione Pellegrini Canevascini, Bellinzona (Übersetzung Roger Sidler)

Weiterführende Literatur
Rossi, Gabriele: "Point de Grève générale au Tessin? Les raisons d'un échec partiel", in: Traverse, 2018, Nr. 2, S. 275-292.

 

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11/2018

Frauen im Landesstreik

Im Landesstreik im November 1918 legten rund 250'000 Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Arbeit nieder. Bis heute gilt dieser Streik als grösste innenpolitische Krise in der Geschichte des Bundesstaates.

Viele Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen waren durch ihre Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs politisiert worden. Ab 1916 protestierten Frauen in verschiedenen Schweizer Städten auf den Märkten gegen die hohen Lebensmittelpreise. Am 10. Juni 1918 demonstrierten rund 1300 Frauen in Zürich gegen die Teuerung und die daraus resultierende Not und verlangten Einlass in den Kantonsrat. Nach einer Solidaritätskundgebung mit rund 15'000 Demonstrierenden am 14. Juni konnten die Sozialdemokratinnen Rosa Bloch-Bollag, Agnes Robmann und Marie Härry schliesslich am 17. Juni 1918 die Anliegen der Frauen im Kantonsrat vortragen.

Die streikenden Frauen
Nach der Proklamation des Generalstreiks durch das Oltener Aktionskomitee (OAK) auf den 12. November 1918 rief die Frauenagitationskommission der Sozialdemokratischen Partei Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen auf, sich am Streik zu beteiligen. Viele kamen dem Aufruf nach. In Zürich richteten sozialdemokratische Frauen im Volkshaus eine Notstandskommission für die Versorgung während der Streiktage ein. Neben dieser organisatorischen Arbeit waren Frauen auch auf den Strassen und bei militanten Aktionen präsent. An vorderster Front beteiligten sie sich an Gleisblockaden bei Biel und Grenchen. Sozialdemokratische Frauen marschierten gemeinsam mit den Männern an den Demonstrationen, organisierten Streikposten, um beispielsweise in Wirtshäusern das vom OAK verhängte Alkoholverbot durchzusetzen. Sie versuchten die Soldaten dazu zu bewegen, nicht gegen die Streikenden vorzugehen, nahmen an Streikversammlungen teil und veranstalteten zusätzlich eigene Frauenversammlungen und Vorträge, um Unorganisierte für Gewerkschaften und SP-Frauengruppen zu gewinnen.

Da die Schulen wegen der Spanischen Grippe geschlossen waren, kam der Kinderbetreuung während des Streiks eine wichtige Bedeutung zu. In Zürich organisierten die sozialdemokratischen Frauengruppen gemeinsam mit dem sozialdemokratischen Schulverein und der sozialdemokratischen Lehrervereinigung Ausflüge, um die Arbeiterkinder vor Zusammenstössen mit dem Militär zu schützen.

Die bürgerlichen Frauen
Nicht nur bei den Streikenden, auch auf der Gegenseite waren Frauen aktiv. Bürgerliche Frauen engagierten sich während des Landesstreiks für die Armee und in der Pflege der grippekranken Soldaten. Während den Streiktagen errichtete der Schweizer Verband Soldatenwohl gemeinsam mit der Zürcher Frauenzentrale Notspitäler für rund 2000 Grippekranke.

Die Frauenstimmrechtsforderung
An zweiter Stelle im Forderungskatalog des OAK stand das aktive und passive Frauenwahlrecht. Diese Forderung brachte gewisse bürgerliche Frauen in einen Zwiespalt, da sie den Streik ablehnten, aber seit Jahren auf die Erlangung des Frauenstimmrechts hinarbeiteten. Emilie Gourd, Präsidentin des Schweizerischen Verbands für Frauenstimmrecht, sandte am 12. November ein Telegramm an den Bundesrat, in dem sie die Umsetzung der Frauenstimmrechtsforderung verlangte. Die Aktion rief heftige Reaktionen hervor. Von den Streikenden wurde kritisiert, dass Gourd sich vom Streik distanzierte, und aus den eigenen Reihen verlautete, dass sie sich mit den Streikenden solidarisiert hätte. Einige Stimmrechtlerinnen lobten Gourd für ihr Vorgehen: Sie hätte die Zeichen der Zeit erkannt, denn am 12. November 1918 wurde sowohl in Deutschland als auch in Österreich das Frauenstimmrecht gesetzlich verankert.

Im Nachgang des Landesstreiks reichten der SP-Nationalrat Herman Greulich und der freisinnige Nationalrat Emil Göttisheim je eine Motion für das Frauenstimmrecht ein. Damit stand das Frauenstimmrecht erstmals in der Geschichte der Schweiz auf der Traktandenliste der eidgenössischen Legislative. Beide Motionen verschwanden aber unbehandelt in der Schublade des Bundesrats.

Katharina Hermann, Doktorandin an der Universität Bern

Weiterführende Literatur
Hermann, Katharina: "Weiber auf den Geleisen. Frauen im Landesstreik", in: Rossfeld, Roman; Koller, Christian; Studer, Brigitte (Hg.): Der Landesstreik. Die Schweiz im November 1918, Baden 2018, S. 217-240.

 

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