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11/2018

Frauen im Landesstreik

Im Landesstreik im November 1918 legten rund 250'000 Arbeiterinnen und Arbeiter ihre Arbeit nieder. Bis heute gilt dieser Streik als grösste innenpolitische Krise in der Geschichte des Bundesstaates.

Viele Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen waren durch ihre Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs politisiert worden. Ab 1916 protestierten Frauen in verschiedenen Schweizer Städten auf den Märkten gegen die hohen Lebensmittelpreise. Am 10. Juni 1918 demonstrierten rund 1300 Frauen in Zürich gegen die Teuerung und die daraus resultierende Not und verlangten Einlass in den Kantonsrat. Nach einer Solidaritätskundgebung mit rund 15'000 Demonstrierenden am 14. Juni konnten die Sozialdemokratinnen Rosa Bloch-Bollag, Agnes Robmann und Marie Härry schliesslich am 17. Juni 1918 die Anliegen der Frauen im Kantonsrat vortragen.

Die streikenden Frauen
Nach der Proklamation des Generalstreiks durch das Oltener Aktionskomitee (OAK) auf den 12. November 1918 rief die Frauenagitationskommission der Sozialdemokratischen Partei Arbeiterinnen und Arbeiterfrauen auf, sich am Streik zu beteiligen. Viele kamen dem Aufruf nach. In Zürich richteten sozialdemokratische Frauen im Volkshaus eine Notstandskommission für die Versorgung während der Streiktage ein. Neben dieser organisatorischen Arbeit waren Frauen auch auf den Strassen und bei militanten Aktionen präsent. An vorderster Front beteiligten sie sich an Gleisblockaden bei Biel und Grenchen. Sozialdemokratische Frauen marschierten gemeinsam mit den Männern an den Demonstrationen, organisierten Streikposten, um beispielsweise in Wirtshäusern das vom OAK verhängte Alkoholverbot durchzusetzen. Sie versuchten die Soldaten dazu zu bewegen, nicht gegen die Streikenden vorzugehen, nahmen an Streikversammlungen teil und veranstalteten zusätzlich eigene Frauenversammlungen und Vorträge, um Unorganisierte für Gewerkschaften und SP-Frauengruppen zu gewinnen.

Da die Schulen wegen der Spanischen Grippe geschlossen waren, kam der Kinderbetreuung während des Streiks eine wichtige Bedeutung zu. In Zürich organisierten die sozialdemokratischen Frauengruppen gemeinsam mit dem sozialdemokratischen Schulverein und der sozialdemokratischen Lehrervereinigung Ausflüge, um die Arbeiterkinder vor Zusammenstössen mit dem Militär zu schützen.

Die bürgerlichen Frauen
Nicht nur bei den Streikenden, auch auf der Gegenseite waren Frauen aktiv. Bürgerliche Frauen engagierten sich während des Landesstreiks für die Armee und in der Pflege der grippekranken Soldaten. Während den Streiktagen errichtete der Schweizer Verband Soldatenwohl gemeinsam mit der Zürcher Frauenzentrale Notspitäler für rund 2000 Grippekranke.

Die Frauenstimmrechtsforderung
An zweiter Stelle im Forderungskatalog des OAK stand das aktive und passive Frauenwahlrecht. Diese Forderung brachte gewisse bürgerliche Frauen in einen Zwiespalt, da sie den Streik ablehnten, aber seit Jahren auf die Erlangung des Frauenstimmrechts hinarbeiteten. Emilie Gourd, Präsidentin des Schweizerischen Verbands für Frauenstimmrecht, sandte am 12. November ein Telegramm an den Bundesrat, in dem sie die Umsetzung der Frauenstimmrechtsforderung verlangte. Die Aktion rief heftige Reaktionen hervor. Von den Streikenden wurde kritisiert, dass Gourd sich vom Streik distanzierte, und aus den eigenen Reihen verlautete, dass sie sich mit den Streikenden solidarisiert hätte. Einige Stimmrechtlerinnen lobten Gourd für ihr Vorgehen: Sie hätte die Zeichen der Zeit erkannt, denn am 12. November 1918 wurde sowohl in Deutschland als auch in Österreich das Frauenstimmrecht gesetzlich verankert.

Im Nachgang des Landesstreiks reichten der SP-Nationalrat Herman Greulich und der freisinnige Nationalrat Emil Göttisheim je eine Motion für das Frauenstimmrecht ein. Damit stand das Frauenstimmrecht erstmals in der Geschichte der Schweiz auf der Traktandenliste der eidgenössischen Legislative. Beide Motionen verschwanden aber unbehandelt in der Schublade des Bundesrats.

Katharina Hermann, Doktorandin an der Universität Bern

Weiterführende Literatur
Hermann, Katharina: "Weiber auf den Geleisen. Frauen im Landesstreik", in: Rossfeld, Roman; Koller, Christian; Studer, Brigitte (Hg.): Der Landesstreik. Die Schweiz im November 1918, Baden 2018, S. 217-240.

 

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