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11/2017

Die Russische Revolution und die Schweiz

Flucht in die Schweiz
Marxistische und sozialdemokratische Organisationen hatten in Russland bis zum Ausbruch der Februarrevolution 1917 keinen einfachen Stand. Kaum gegründet, wurden sie verboten, ihre Mitglieder inhaftiert oder in die Verbannung geschickt. Viele Sozialistinnen und Sozialisten entkamen einer Verhaftung durch die Flucht ins westliche Ausland. Hier spielte die Schweiz eine herausragende Rolle. Ihre politische Stabilität und Neutralität sowie die in der Bundesverfassung garantierte Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit, die vor einer politischen Verfolgung schützten, waren massgebliche Faktoren für die Zuwanderung aus Russland. In Genf entstand damals eine erste grosse russische Kolonie, wo 1883 Georgi Plechanow, Pawel Axelrod, Vera Sassulitsch und andere die einflussreiche marxistische Gruppe «Befreiung der Arbeit» gründeten. Gemeinsam mit Lenin und Juli Martow gaben sie ab 1900/1901 das wichtige Parteiorgan «Iskra» (Der Funke) der 1898 in Minsk gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands heraus.

Nach Genf waren auch die Universitätsstädte Zürich und Bern ausserordentlich wichtige Zufluchtsstätten. Ein Alleinstellungsmerkmal der Schweiz ist jedoch, dass sich revolutionäre Geschichte nicht nur in den urbanen Zentren abspielte, sondern gerade auch in entlegenen Orten wie Davos, Beatenberg, Sörenberg, Zimmerwald und Kiental.

In der Forschung wurde lange das Bild isoliert lebender Exilrevolutionäre vermittelt. Doch bei näherer Betrachtung fällt auf, dass sich an mehreren Veranstaltungen enge freundschaftliche Netzwerke zwischen der Schweizer Sozialdemokratie und den Exilrevolutionären bildeten, die für die Zeit des Ersten Weltkriegs von entscheidender Bedeutung werden sollten. Wie eng die Bindungen werden konnten, zeigt die auffällige Häufung an Eheschliessungen zwischen Schweizer Sozialdemokraten und russischen Revolutionärinnen, etwa die Heirat von Robert Grimm und Rosa Grimm oder von Fritz Brupbacher und Lydia Kotschetkowa, und auch Fritz Platten ging mehrere Bindungen mit russischen Revolutionärinnen ein.

Die Schweiz als Tagungsort der Kriegsgegner
Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs erlebten viele Exilrussen in der Eidgenossenschaft. Weitere gelangten in den ersten Kriegswochen in die Schweiz, so etwa Lenin mit seiner Ehefrau Nadeschda Krupskaja, Grigori Sinowjew, Angelica Balabanoff und Leo Trotzki. Äusserst aktiv beteiligten sie sich an den zahlreichen, 1915/1916 in und um Bern stattfindenden sozialistischen Konferenzen gegen den Krieg. Zu diesen zählten auch die von Grimm organisierten geheimen Konferenzen von Zimmerwald und Kiental. Was die Konferenzteilnehmenden verband, war der leidenschaftliche Kampf gegen den Krieg, was sie unversöhnlich voneinander trennte, war die Frage der Kampfmittel und der Taktik der Friedensaktion: Sollte sie auf parlamentarisch-demokratischem Weg oder über den revolutionären Umsturz erfolgen? Um Lenin bildete sich damals der Kreis der sogenannten Zimmerwalder Linken, die den Krieg so rasch wie möglich in einen revolutionären Bürgerkrieg umzuwandeln beabsichtigte. Lenin war es – obwohl in der Minderheit – gelungen, hier einen radikalen Block zu bilden und damit die Zimmerwalder Bewegung in einen revolutionären und einen gemässigten, zentristischen Flügel zu spalten.

Die Februarrevolution und die Rückkehr nach Russland
Die unverhoffte Kunde vom Ausbruch der Februarrevolution überraschte 1917 alle. Die russischen Revolutionärinnen und Revolutionäre im Schweizer Exil empfanden es als schier unerträglich, an den grossen Umwälzungen, für die sie Jahre ihres Lebens geopfert hatten, nicht teilnehmen zu können. Entsprechend rasch wurden Rückkehrpläne geschmiedet, was sich jedoch angesichts der Kriegssituation als hürdenreiches Unterfangen herausstellen sollte. Zur weiteren Planung wurde umgehend ein parteiübergreifendes «Zentralkomitee zur Rückkehr der in der Schweiz weilenden russischen Emigranten» gegründet, das jene 564 Exilantinnen und Exilanten vertrat, die sich zur Zimmerwalder Bewegung bekannten. Dazu gehörten neben Menschewiki, die Bolschewiki, Sozialrevolutionäre und Mitglieder des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes.

Grimm wurde beauftragt, über den Schweizer Bundesrat Arthur Hoffmann Kontakt zur deutschen Gesandtschaft in Bern herzustellen, um die Chancen einer Durchreise durch Deutschland auszuloten. Die deutsche Seite, die sich von den russischen Revolutionären eine massive Destabilisierung Russlands erhoffte, willigte rasch ein und stellte einen Zug zur Verfügung, der am 9. April 1917 den Zürcher Hauptbahnhof verliess. Im Zug, der von Platten begleitet wurde, befanden sich neben Lenin, Krupskaja, Sinowjew und Karl Radek zahlreiche weitere Revolutionäre, die alle in der anschliessenden Oktoberrevolution eine überaus tragende Rolle spielen sollten.

Während man die Februarrevolution in der Schweiz noch weitgehend positiv bewertet hatte, verurteilten viele die Oktoberrevolution aufgrund ihres Umsturzcharakters, ihrer Radikalität und ihrer revolutionären Ausdehnungsgefahr. So ging ein Teil der politischen Schweiz davon aus, dass der Landesstreik im November 1918 ein Resultat bolschewistischer Agitation sei. Man verwies die quasi-diplomatische Vertretung Sowjetrusslands, die Sowjetmission in Bern, des Landes und brach Kontakte zum ersten sozialistischen Staat der Welt kurzerhand ab.

Julia Richers
ordentliche Professorin für Neueste Allgemeine und Osteuropäische Geschichte, Universität Bern

Weiterführende Literatur
Julia Richers, «Die Schweiz als Zufluchtsort und Wegbereiterin der Revolution», in: 1917 Revolution. Russland und die Folgen, hg. von Deutsches Historisches Museum, Schweizerisches Nationalmuseum, 2017, 69-81.

Zur Russischen Revolution bieten die Diplomatischen Dokumente der Schweiz ein e-Dossier.

 

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