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Aktuell / Das aktuelle Thema
08/2017

Die letzte grosse Hungerkrise in der Schweiz in den Jahren 1816-1817

Der Ausbruch des Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa am 10. April 1815 war ein «glokales» Ereignis: eine lokale Naturkatastrophe einerseits, an deren Folgen Zehntausende von Menschen starben, ein globaler Vorfall andererseits, weil die klimatischen Auswirkungen der Eruption weltweit zu spüren waren. Im Frühjahr 1816 sanken auf der Nordhalbkugel die Temperaturen deutlich und bescherten weiten Teilen Europas das bisher letzte «Jahr ohne Sommer» ihrer Geschichte. In der Schweiz schneite es im Sommer 1816 beinahe jede Woche bis in die Niederungen, das Getreide und die Trauben reiften nicht heran und die Kartoffeln mussten im Herbst aus dem Schnee ausgegraben werden. Im Mittelland herrschten in den Sommermonaten Temperaturen, die rund 4 Grad unter den heutigen Mittelwerten lagen.

Hungersnot in der Ostschweiz
Kein Land dürfte stärker unter den Folgen des «Jahres ohne Sommer» gelitten haben als die Schweiz. «Theurung! Hunger!» lauteten nach den Missernten 1816 die Losungswörter der Zeit, obwohl der Alltag nicht in allen Regionen gleich hart war. Während in der Westschweiz zwar ein Mangel an Nahrungsmitteln herrschte, hungers aber keine Menschen starben, waren in der Innerschweiz bereits vereinzelt Hungertote zu beklagen. Am Härtesten traf es die Ostschweiz, wo Elend und Not die Ärmsten «herdenweise» auf die Weiden getrieben habe, um Gras zu essen, wie der philanthropische Geistliche Ruprecht Zollikofer die Schreckensjahre beschrieb. Einzelne Gemeinden verloren bis zu einem Neuntel ihrer Einwohner. Nach Ansicht von Zollikofer und der meisten seiner Zeitgenossen hätte die offene Hungersnot zu den «Unmöglichkeiten der Zeit» gehören sollen.

Die «doppelte Geissel» der Hungerjahre
Die Hungersnot in der Ostschweiz war die Folge einer «doppelten Geissel». Einerseits brach der Getreidemarkt um den Bodensee unter der Last der Missernten 1816 zusammen. Die süddeutschen Staaten schlossen die Grenzen für Getreideexporte und die Kantone verhängten gegenseitig Getreidesperren, sodass kurz vor der Ernte im Sommer 1817 kaum noch Getreide erhältlich war. Die Preise auf dem Markt in Rorschach erhöhten sich innerhalb eines Jahres beinahe um das Sechsfache. In einer Zeit, in der durchschnittliche Haushalte selbst in guten Erntejahren bis zu drei Viertel ihres Budgets für Getreide aufwenden mussten, war dies fatal. Andererseits herrschte eine weit verbreitete Verdienstlosigkeit: Tausende von Spinnerinnen und Webern verloren durch die Mechanisierung der Webstühle nach der Aufhebung der Kontinentalsperre entweder ihre Arbeit oder mussten grosse Lohneinbussen hinnehmen. Es war die Überlagerung der agrarischen und der industriellen Krisen, die gemäss Zollikofer «wie Furien die Völker peitschten».

Ein «Jahr ohne Sommer» und seine Folgen heute
Ein «Jahr ohne Sommer» würde in der Schweiz heute nicht mehr zur Verarmung breiter Bevölkerungsschichten führen. Bereits vor rund hundert Jahren erkannte die Wissenschaft die klimatischen Folgen grosser Vulkanausbrüche. Durch eine Vorwarnzeit von mehreren Monaten könnten kälte- und nässeresistentere Pflanzen angebaut werden, das Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung würde auf Pflichtlagerbestände zurückgreifen und dank der hohen Kaufkraft könnten die nötigen Lebensmittel importiert werden. Trotzdem lohnt sich der Blick zurück, weil sich der Zusammenhang zwischen Klima, Ernährung und Politik anhand der Hungerjahre 1816-1817 anschaulich nachvollziehen lässt. Ausserdem gehört Hunger in vielen Regionen der Welt immer noch nicht zu den Unmöglichkeiten der Zeit, der Klimawandel und seine Folgen sind in aller Munde und in der Schweiz wird am 24. September 2017 über eine Volksinitiative zur Ernährungssicherheit abgestimmt – auch ohne grossen Vulkanausbruch ist die Thematik nach wie vor aktuell.

Daniel Krämer

Weiterführende Literatur : D. Krämer, « Menschen grasten nun mit dem Vieh »: Die letzte grosse Hungerkrise der Schweiz 1816/17, Basel, Schwabe Verlag, 2015.

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