Alle Artikel:
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
(Anfang des gesuchten Artikels)
 
   



11/2018

Der Landesstreik vom November 1918 und sein Echo im Tessin

In den 1960er Jahren widerlegte Willi Gautschi mit seiner Studie die ältere These, beim Landesstreik handle es sich um einen von den Bolschewiki organisierten Revolutionsversuch. Der Grund für die Unruhen wird seitdem auf die prekären Lebensbedingungen der Arbeiterschaft zurückgeführt, die einer hohen Inflation, einem Mangel an Gütern des täglichen Bedarfs und grossen Belastungen durch den Aktivdienst ausgesetzt war. Auch wenn der Streikabbruch von den Beteiligten als Niederlage empfunden wurde, deuteten die Streikführer aufgrund der im Anschluss erreichten Ergebnisse den Protest als Sieg nach verlorener Schlacht. Die dem Bundesrat zu Kriegsbeginn übertragenen Vollmachten beschnitten den Einfluss des Parlaments. Darauf reagierte die Arbeiterbewegung, indem sie im Februar 1918 mit dem Oltener Aktionskomitee ein entscheidungsfähiges Organ schuf, das mit dem Bundesrat direkt verhandelte.

Der schwache Widerhall im Tessin
Im Tessin sympathisierte die Mehrheit der Bevölkerung nach der deutschen Invasion in Belgien mit der Entente, im Gegensatz zur Deutschschweiz, wo die Öffentlichkeit mehrheitlich Verständnis für die Sache der Mittelmächte zeigte. Sämtliche Tessiner Parteien sahen im Oltener Aktionskomitee ein Werkzeug der «Deutschen» zugunsten der Mittelmächte. Die antideutsche Haltung richtete sich auch gegen die «Bolschewiki». Eine solche Position hätte man eher von den historischen Parteien, also den Liberalen, Radikalen und Konservativen, erwartet. Die Zurückhaltung der Tessiner Sozialdemokraten gegenüber ihren Gesinnungsgenossen nördlich der Alpen gründete auch in den Nachwirkungen der 1913 erfolgten Spaltung des Partito Socialista Ticinese. Die Gruppe um die Zeitung Libera Stampa, angeführt vom Sekretär des Arbeitsamts Guglielmo Canevascini, sprach sich für den Kriegseintritt Italiens aus. Mario Ferri hingegen führte den Flügel um die Zeitung L’Aurora an und verfocht einen pazifistischen Standpunkt. Nach der Spaltung erfuhr dieser Flügel einen raschen Niedergang, obwohl nur er von der nationalen Parteileitung anerkannt wurde und im Tessin auf die Unterstützung der Sektionen des Grütlivereins, darunter zahlreiche Deutschschweizer, zählen konnte.

 

Als bei der Wiedervereinigung der Partei 1917 die Libera Stampa die Reste der Aurora, die 1916 eingestellt worden war, übernahm, war die Beziehung zwischen dem siegreichen Flügel im Tessin und der nationalen Parteileitung aufgrund der fehlenden Unterstützung von Canevascini und dessen Anhängern während der Parteispaltung belastet. Das gegenseitige Misstrauen war auch der Grund dafür, dass der Schweizerische Gewerkschaftsbund noch 1918 die Arbeitskammer von Lugano nicht offiziell anerkannte. Dieser Umstand trübte im November das Einverständnis zwischen dem Oltener Aktionskomitee und den Tessiner Gewerkschaften. Zudem war im Tessin die Arbeiterbewegung im Wiederaufbau begriffen, verfügte über wenige Führungsfiguren und kämpfte mit einer fragmentierten Basis.

Eine andere Stimmung im Tessin
Als der Landesstreik ausbrach, feierte das Tessin gerade den Sieg Italiens. Die öffentliche Stimmung im Tessin unterschied sich grundlegend von jener in der Deutschschweiz. In einer Zeit, in der die Schweizer Gesellschaft durch einen tiefen Graben zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft gekennzeichnet war, spielte dieser Gegensatz in der Wahrnehmung der Deutschschweiz im Tessin keine Rolle. Für die Tessiner war, unabhängig der politischen Färbung, der Landesstreik ein Manöver deutschfreundlicher Kreise, welche die Schweiz schwächen wollten. Diese Sichtweise war durch die Grimm-Hoffmann-Affäre von 1917 vorgespurt worden. Der Kanton Tessin nutzte die Gelegenheit und verfügte die Mobilisation seiner Truppen, die für den Einsatz in Zürich, dem Zentrum des Landesstreiks, benötigt wurden. «Jetzt zeigen wir ihnen, wer die wahren Patrioten sind, sicherlich nicht die Revolutionäre der Deutschschweizer Städte!» Die bürgerliche Presse deutete den Einsatz der Soldaten als Beleg für das wiedergewonnene Vertrauen des Bunds in die Standhaftigkeit des Kantons Tessin. Aus Sicht der Tessiner handelte es sich um ein Zeichen der Wertschätzung, nachdem die häufigen Zensureingriffe während des Krieges ihren Patriotismus in Frage gestellt zu haben schienen. Dieses Gefühl der Anerkennung war so stark, dass es auch die Tessiner Gedenkfeierlichkeiten von 1948 zum 30-jährigen Jubiläum prägte.

Wer streikte im Tessin?
Nur die Arbeiter, die direkt über die nationalen Gewerkschaften organisiert waren, setzten, zum Teil verspätet, den Streikbefehl des Oltener Aktionskomitees um. Für ihre Kollegen aus dem Rest des Landes führten sie einen Solidaritätsstreik durch. Daran beteiligten sich Eisenbahner aus dem Sopraceneri und der Bahnlinie Locarno, Metallarbeiter aus Bodio, Arbeiter der SBB-Werkstätten in Bellinzona und Arbeiter aus den Steinbrüchen um Biasca. Die Delegierten der Arbeiter, die dem Gewerkschaftskartell der Arbeiterkammer angehörten, beschlossen hingegen in zwei Sitzungen in Locarno und Lugano, sich dem Streik nicht anzuschliessen. Auch die Eisenbahner des Sottoceneri blieben der Aktion fern.

Von der schwachen Beteiligung, die im Vergleich mit dem erfolgreichen Streik vom Juli in Lugano, der als «wahrer» Tessiner Beitrag zum Landesstreik betrachtet werden kann, noch augenfälliger ist, erholte sich die kantonale Arbeiterbewegung rasch. 1919 schickte sie mit Guglielmo Canevascini ihren ersten Nationalrat nach Bern. Im selben Jahr eröffnete sie zwei Volkshäuser in Bellinzona und Chiasso sowie die Volksuniversität in Lugano.

Gabriele Rossi, Archivar der Fondazione Pellegrini Canevascini, Bellinzona (Übersetzung Roger Sidler)

Weiterführende Literatur
Rossi, Gabriele: "Point de Grève générale au Tessin? Les raisons d'un échec partiel", in: Traverse, 2018, Nr. 2, S. 275-292.

 

Share on Facebook Share on Twitter Share on Google Share by email