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04/2018

1968: Der Aufbruch beginnt im März in Locarno

Zu den frühesten Ereignissen der Achtundsechziger Bewegung zählen die studentischen Protestkundgebungen am Lehrerseminar Locarno (Jugendunruhen). Das für die Ausbildung der Tessiner Lehrer und Lehrerinnen zuständige Seminar wird zu einem Forum, auf dem Vertreter der neuen international ausgerichteten Jugendbewegung und das lokale Establishment ihre Klingen kreuzen.

Die als erste im Wohlstand geborene und aufgewachsene neue Generation unterscheidet sich deutlich von der vorangegangenen. Ihr Interessenhorizont wird nicht mehr nur durch die Befriedigung der Konsumbedürfnisse bestimmt, sondern zunehmend auch vom Ideal einer umfassenden gesellschaftlichen Solidarität. Das Bild von General Guisan ersetzt sie durch das Porträt von Che Guevara. Bis anhin gültige Verhältnisse stellt sie offen in Frage. Die Jungen lesen kritische Texte, versammeln sich, debattieren, ergreifen das Wort und die Initiative und beschreiten dabei neue Wege. 

Am Lehrerseminar Locarno und letztlich auch in der ganzen Tessiner Gesellschaft dominieren Vorstellungen, die mit der neuen Zeit nicht mehr Schritt halten. Die junge Generation kritisiert vor allem den Lehrplan, der die aktuellen pädagogischen und sozialwissenschaftlichen Theorien nicht berücksichtigt, sowie das militärische Regime im Internat, in dem rund 600 Studenten und Studentinnen leben. Im Fokus der studentischen Kritik steht insbesondere Seminardirektor Carlo Speziali, der gleichzeitig auch Stadtpräsident von Locarno ist. In dieser Funktion wird Speziali seit Längerem von den Katholisch-Konservativen (CVP) wie auch vom linken Flügel der Sozialdemokraten, der sich 1969 als Partito socialista autonomo abspalten wird, scharf angegriffen. 

Schon im Schuljahr 1966-1967 äussert in einer eigenen, unabhängigen Zeitschrift eine Gruppe von besonders entschlossenen Studenten und Studentinnen ihre Unzufriedenheit. In den ersten Monaten des Jahres 1968 werden ihre Beiträge immer kritischer. Eine Aussprache mit dem Direktor und Vertretern der Dozentenschaft führt nur zu einer weiteren Erhitzung der Gemüter. 

Aufgrund des gestörten Gesprächsklimas zwischen den beiden Parteien kommt es in der Folge zu einer Aktion, die in der Tessiner Öffentlichkeit grosses Aufsehen erregt. Vom 9. bis 12. März 1968 boykottieren mehr als 200 Studierende den Unterricht und besetzen einen Saal des Seminars. Die als Befreiung empfundene Aktion zeichnet sich durch eine sorgfältige Planung aus: Die Studenten und Studentinnen pflegen enge Beziehungen zur Presse und zu den Behörden, zudem halten sie ihre Forderungen in ausführlichen Schriften fest. Nach dem Abbruch der Besetzung gehen die Kundgebungen weiter. Mittels der in dieser Zeit erstrittenen studentischen Vollversammlung und verschiedener Publikationen verschaffen sich die Studierenden weiterhin Gehör. 

Bereits im folgenden Schuljahr sind erste Auswirkungen der Ereignisse vom März 1968 erkennbar: Angesichts der angespannten Situation erlaubt das kantonale Bildungsdepartement dem neuen Seminardirektor, Reformen durchzuführen. Die moderne Pädagogik hält Einzug in den Lehrplan. Mit ihren neuartigen Unterrichtsmethoden werden die jungen Lehrerinnen und Lehrer in den Gemeinden später auf den Widerstand eines Teils der Bevölkerung stossen. Doch die Lage beruhigt sich im Verlauf der 1970er Jahre und die Tessiner Schule wie auch andere gesellschaftliche Bereiche öffnen sich allmählich dem Wandel.  

Eine Tatsache bleibt erwähnenswert: Von Anfang an profilierten sich an den Kundgebungen junge Studentinnen, in einer Zeit, als das Frauenstimmrecht weder auf kantonaler (erst ab 1969) noch auf eidgenössischer Ebene (erst ab 1971) eingeführt war. 

Mauro Stanga, Bellinzona (Übersetzung Roger Sidler)

 

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